Inhaltsbereich
Seitentitel

KomNet-Wissensdatenbank

Ist es zulässig, dass sich eine schwangere Mitarbeiterin temporär in Lärmbereichen aufhält?

KomNet Dialog 23777

Stand: 05.05.2015

Kategorie: Besondere Zielgruppen > Werdende und stillende Mütter > Gefährdungen für werdende / stillende Mütter

Dialog
Favorit

Frage:

Eine schwangere Mitarbeiterin im Qualitätswesen muss sich in einem Produktionsbereich temporär aufhalten, um z.B. Messmittel auszutauschen oder Schulungen (Dauer ca. 1 Std.) durchzuführen. Dort liegen Beurteilungspegel oberhalb 80 dB(A) sowie oberhalb 85 dB(A) vor. Nach Mutterschutzarbeitsschutzverordnung sowie nach der Gefährdungsbeurteilung, welche an die Bezirksregierung mit der Meldung der Schwangerschaft gesendet werden muss, darf die werdende Mutter Lärm über 80 dB(A) nicht ausgesetzt werden. Dieses ist meiner Meinung nach aber auf einen Tagesexpositionswert von 80 dB(A) bei 8 Stunden Aufenthalt in diesen Bereichen bezogen. Ist es zu vertreten, dass die Mitarbeiterin sich temporär in den nichtkennzeichnungspflichtigen/kennzeichnungspflichtigen Lärmbereichen zur Durchführung der o.g. Tätigkeiten aufhält? Gibt es entsprechende Vorgaben/Vorschriften, aus denen ich weitere/genauere Informationen zu Grenzwerten, zeitliche Begrenzungen, etc. ermitteln kann?

Antwort:

In § 4 Abs. 1 Mutterschutzgesetz – MuSchG - ist vorgeschrieben, dass werdende Mütter u. a. nicht mit Arbeiten beschäftigt werden dürfen, bei denen sie der schädlichen Einwirkung von Lärm ausgesetzt sind. Für stillende Mütter gilt diese Regelung entsprechend (s. § 6 Abs. Abs. 3 MuSchG). Eine schädliche Einwirkung von Lärm liegt dann vor, wenn die auf die werdende Mutter einwirkenden Geräusche geeignet sind, ihre Gesundheit oder die des ungeborenen Kindes zu beeinträchtigen. Ob dies der Fall ist, hängt nicht nur von der gemessenen Lärmeinwirkung ab, sondern auch von der körperlichen Verfassung der Schwangeren und ist somit eine Einzelfallbetrachtung.

Für werdende und stillende Mütter wird allgemein ein Lärmgrenzwert von 80 dB (A) angewendet. Dieser geht auf die Ergebnisse eines Forschungsberichts von 1973 zurück, der vom damaligen Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung in Auftrag gegeben wurde (vgl. Forschungsbericht Nr.132 der Bundesanstalt für Arbeitsschutz u. Unfallforschung. Titel: "Experimentelle Untersuchungen zur Frage der Lärmgrenzwerte für werdende Mütter am Arbeitsplatz" von Prof. Dr. med. Werner Klosterkötter). Die darin enthaltenen Empfehlungen an Arbeitgeber und Aufsichtsbehörden gelten noch heute. Sie lauten:
1. Einhaltung des Grenzwertes von 80 dB (A) Beurteilungspegel (bezogen auf eine 8-stündige Arbeitssicht pro Tag)
2. Keine Exposition werdender Mütter gegenüber impulshaltigem Lärm , d. h., Knalle, Schläge und dgl., wenn dadurch Schreckreaktionen hervorgerufen werden können. Hierunter werden Geräusche verstanden, die in 0,5 sec. um 40 dB (A) und mehr ansteigen.
3. keine Exposition werdender Mütter gegenüber Geräuschen mit hohen Frequenzanteilen (über 1000 Hz).

Fazit:
Der Beurteilungspegel ist als Tages-Lärmexpositionspegel, LEX,8h zu messen und auf die effektive Arbeitszeit zu beziehen. Beschäftigungsverbote bestehen bei einem Beurteilungspegel > 80 dB(A) (technisch bedingter Lärm) bzw. 85 dB(A) (Berufsmusikerinnen) und bei einem Anstieg > 40 dB(A) in 0,5 sec. Zur Klärung von spezifischen Einzelfragen sollten Sie sich direkt an die für Ihren Betrieb zuständige Aufsichtsbehörde wenden (Arbeitsschutzverwaltung).