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Kann sich nach 18 Monaten Dauernachtschicht der Tag-Nacht-Rhythmus so verschieben, dass eine Rückkehr in die Tagschicht nicht mehr möglich ist?

KomNet Dialog 1832

Stand: 12.06.2003

Kategorie: Arbeitszeit, Arbeitsbedingungen > Arbeitszeitberatung und -gestaltung > Nachtarbeit

Dialog
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Frage:

Ich betreue eine Mitarbeiterin, die viele Jahre beschwerdefrei in Wechselschicht, anschließend 18 Monate in Dauernachtschicht und betriebsbedingt seit 6 Monaten in kontinuierlicher Spätschicht arbeitet (mit Fortfall der Nachtschichtzulage). Sie macht geltend, dass sie nur nachts arbeiten könne. Eine von der Hausärztin veranlasste Untersuchung in einem Schlaflabor hat keine auffälligen Befunde erbracht. Ortsansässige Psychiater bescheinigen ihr einen zur Normalbevölkerung umgekehrten Tag-Nacht-Rhythmus und empfehlen deshalb den Einsatz in der Dauernachtschicht. Die MAin klagt über Gewichtsabnahme, Appetitlosigkeit, Schlafstörungen und Konzentrationsstörungen. Somatische Ursachen sind ausgeschlossen. Die Frage: Ist es denkbar, dass jemand viele Jahre problemlos in Wechelschicht gearbeitet hat, dann 18 Monate in Dauernachtschicht und dass sich dadurch der Tag-Nacht-Rhythmus derart verschiebt, dass eine Rückkehr in die Wechselschicht oder eine kontinuierliche Tagschicht nicht mehr möglich ist? Wo könnte man so etwas überprüfen lassen?

Antwort:

Aus einer Reihe von Studien geht hervor, daß eine Umkehr der Zirkadianrhythmik beim Menschen in Dauernachtschicht nur unvollkommen stattfindet. Bei vielen physiologischen Körperfunktionen wie Körpertemperatur, Adrenalinspiegel, 17-Kortikoidausschüttung, Reaktionszeit, Handkraft u. a. findet nur eine Teiladaptation statt. Daher führt die Dauernachtschicht häufiger als Wechselschicht oder Schichtsysteme ohne Nachtarbeit zu gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Der Tagschlaf ist signifikant kürzer mit einer kürzeren REM-Latenz und verkürzten Gesamtdauer des REM-Schlafes. Dies führt zu einer Akkumulation eines Schlafdefizits während einer Nachtschichtwoche. Häufige Symptome bei Schichtarbeit sind Appetitstörungen und Magen-Darm-Beschwerden, wobei diese Beschwerden bei Beschäftigten in der Dauernachtschicht am häufigsten beklagt werden. Die Beschwerden der Mitarbeiterin könnten also Folge der Dauernachtschicht oder der viele Jahre andauernden Tätigkeit in Wechselschicht sein. Ein Wechsel in kontinuierliche Tagesschicht kann nach einer längeren Adaptationsphase demzufolge eher von Vorteil für die Mitarbeiterin sein. Bei der Auswahl der für die Mitarbeiterin geeigneten Schicht sollten Erkrankungen wie Diabetes mell., Asthma bronchiale, Hypertonie, chron. Anfallsleiden, Z. n. Herzinfarkt u. a. berücksichtigt werden. Erfahrungsgemäß haben viele Beschäftigte aus der Dauernacht- und Wechselschicht Probleme, ihre Schlaf- und Essgewohnheiten wieder umzustellen und auch eine erhebliche Beeinträchtigung der sozialen Kontakte. Demzufolge ist diesbezüglich ein beratendes Gespräch sicher sinnvoll. Fazit: Es liegen keine Erkenntnisse vor, die bei den geschilderten Beschwerden ein Verbleiben in Dauernachtschicht begründen oder erzwingen werden.