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Service

MobbingLine NRW: +49 211 837 1911

Seit Februar 2002 gibt es die MobbingLine Nordrhein-Westfalen - ein Service, um Betroffene schnell, anonym und kostenlos zu unterstützen.

Die landesweite Vernetzung von Beratungsangeboten gemeinnütziger Institutionen und Kirchen ermöglicht eine kontinuierliche, persönliche und vertrauliche Beratung. Alle Beraterinnen und Berater der MobbingLine sind fachlich geschult, arbeiten nach gemeinsamen Standards und stellen eine qualifizierte "Erste Hilfe" sicher.

Konzept der MobbingLine

Seit dem Jahr 2002 existiert die MobbingLine NRW, das zentrale Mobbing-Telefon für Nordrhein-Westfalen. Mit dem Beratungsnetzwerk wurde ein Angebot geschaffen, um die Betroffenen zu ermutigen, den ersten Schritt im Hinblick auf Bewältigung des Mobbingproblems zu tun. Durch die Vernetzung bestehender Beratungsangebote mehrerer Kooperationspartner wurde der landesweite Zugang zu einer kontinuierlichen, persönlichen und vertraulichen Beratung möglich.

Das Konzept der MobbingLine wird kontinuierlich weiter entwickelt. Aktuell können Hilfesuchende aus Nordrhein-Westfalen in Problemsituationen kompetente Beratung und Hilfestellungen in folgenden Punkten erfahren:

  • Beratung bei der Frage, ob es sich im vorliegenden Fall um Mobbing handelt
  • Stärkung der Ratsuchenden und positive Signale zu ihrer Unterstützung
  • Beratung in Richtung erster Handlungsschritte und -möglichkeiten
  • Vermittlung an wohnortnahe Adressen für eine weitergehende Prozessbegleitung

Hotline: +49 211 837 1911

  • Qualifizierte Beratung für Hilfesuchende: Montag bis Donnerstag zwischen 16:00 und 20:00 Uhr
  • Allgemeine Serviceauskünfte, wie z.B. die Nennung geeigneter Beratungsstellen:
    • Montag bis Freitag zwischen 8:00 und 18:00 Uhr per Telefon

"Plötzlich wurden mir wichtige Informationen vorenthalten."

A (Anruferin), M (mobbende Person)

Die A ist seit 1975 in einem Krankenhaus der Stadt XY als Krankenschwester tätig und versieht dort seit 5 Jahren als leitende Ambulanzschwester ihren Dienst. Sie hat in diesem Haus ihre Ausbildung absolviert und fühlt sich dort sehr wohl ("es ist meine Heimat"). Ein Wechsel der Arbeitsstelle käme für sie in keiner Weise in Betracht.

Die M ist 54 Jahre alt und seit 1,5 Jahren an diesem Krankenhaus als Pflegedienstleitung eingesetzt.

Beide Frauen haben sich anfangs sehr gut verstanden, so dass es neben der dienstlichen Situation auch zunehmend zu privaten Kontakten und vertraulichen Gesprächen kam. Seit etwa einem halben Jahr ist die Beziehung gestört:

Die M fing plötzlich an die A zu schikanieren. Auf Befragen konnte die A keinen Grund für diese plötzliche Veränderung nennen. Als besonders belastende Verhaltensweise führte die A an, dass plötzlich wichtige Informationen nicht mehr an sie weitergegeben wurden, und dass sie - entgegen vorheriger Praxis - ohne vorherige Absprache neue Mitarbeiter "vor die Nase gesetzt bekam". Besonders belastend kam in der Folgezeit vermehrt hinzu, dass die Pflegedienstleiterin ein Intrigenspiel begann, mit dem sie die Mitarbeiterin der A gegen diese aufzuhetzen versuchte.

Eine weitere Belastung ist für sie, dass die M in Zeiten größter Arbeitsbelastung kurzfristig zu "Vier-Augen-Gesprächen" herbei zitiert, die durchaus auch zu einem anderen Zeitpunkt geführt werden könnten.

Die A hat in der Ambulanz 15 Mitarbeiterinnen und MItarbeiter, mit denen sie sich überwiegend gut versteht. Bisher konnte sie mit ihnen über ihre belastende Situation sprechen und sich austauschen. Die A stößt dort "noch" auf Verständnis. Am 25.06. ließ sich die A schließlich krank schreiben, da sie dem Druck nicht mehr standhalten konnte, und unterzieht sich derzeit einer Psychotherapie.

Heute hatte sie bei ihrer Gewerkschaft einen Gesprächstermin, wo sie ihre Arbeitssituation schildern konnte und den Vorschlag bekam, beim Mobbing-Telefon anzurufen. Auf Nachfrage sagte die A, dass sie bis zur Krankmeldung nicht in der Lage war, um ein persönliches Gespräch mit der M zu bitten. Auch derzeit fühlt sie sich total ausgelaugt und nicht fähig, ein Gespräch zu führen. Auch habe sie sich gescheut, die Mitarbeitervertretung anzusprechen.

In einem gemeinsamen Austausch sind die A und ich als momentane Lösung dahin gekommen, die mehrwöchige Krankmeldung bewusst zur Stabilisierung zu nutzen, bei der Rückkehr an den Arbeitsplatz ein Gespräch mit der M zu führen und bei negativem Ausgang die Mitarbeitervertretung um Vermittlung zu bitten.

Die A bedankte sich mehrfach für das Gespräch, wirkte jedoch sehr belastet, als hielte sie eine Lösung ihres Problems für nicht möglich.

Erwähnenswert ist, dass die A zu Anfang des Gespräches unsicher war, ob sie überhaupt über ihre Situation sprechen könne, ob das von ihr beschriebene Verhalten überhaupt als Mobbing bezeichnet werden könnte. So war es zunächst für diese Frau sehr wichtig, darin bestätigt zu werden, dass das Verhalten der M wirklich als Mobbing eingeschätzt werden muss und dass ihre Reaktion ganz normal ist und bei vielen Opfern vorkommt.

"Sie lässt mich regelmäßig ins offene Messer laufen."

Die A ist ca. 30 Jahre alt, Berufseinsteigerin und ausgebildete Stadtplanerin. Sie ist auf drei Jahre befristet halbtags beschäftigt bei einem Entsorgungsunternehmen, in dem sie gemeinsam mit einer Kollegin aus der Kommune ihr Sachgebiet bearbeitet.

Von eben dieser Kollegin wird A gemobbt.

Die mobbende Kollegin hat A vom ersten Tag an abgelehnt; die Gründe liegen nach Meinung A's in persönlichen Animositäten. So stört sich M beispielsweise am Äußeren der A.

Die mobbende Person hält A von wesentlichen Informationen fern und hat den Amtskollegen untersagt, mit A Gespräche zu führen. "Sie schneidet mich von allen wichtigen Infos ab und lässt mich regelmäßig ins offene Messer laufen." Bei Publikumsverkehr reisst sie die Beratungsgespräche der A regelmäßig an sich und lässt die Anruferin als inkompetent erscheinen.

Ein erster Versuch, diese Problematik mit M in einem persönlichen Gespräch zu klären, schlug fehl. Die mobbende Person nahm das Problem nicht ernst und verweigerte den Kontakt zur Anruferin. Ein Gespräch mit dem Amtsleiter selbst hat A nicht versucht, da dieser "voll auf Linie" der M steht.

Bei der Anruferin setzten in der Folgezeit massive Magenbeschwerden ein, die eine noch andauernde ärztliche Behandlung notwendig machten. Sie war auch einige Tage bereits krank geschrieben. Derzeit unterzieht sie sich einer Therapie. Die A nimmt immer wieder neuen Anlauf mit dem festen Vorsatz, die Situation einfach auszuhalten, schafft dies aber nicht, da die Magenschmerzen sich stetig verschlimmern.

In den letzten drei Wochen wurde für sie die Situation so unerträglich, dass sie mit dem Vorgesetzten des Unternehmens über ihr Problem gesprochen hat. Dort stieß sie auf Verständnis und erhielt das Angebot, bei Bedarf an einer anderen Stelle eingesetzt zu werden. Zunächst ist jedoch ein Klärungsgespräch vorgesehen zwischen dem Vorgesetzten der A, dem Amtsleiter und M. Der Vorgesetzte ist zugleich ihr Betriebsrat. Sie selbst ist für eine Gesprächsteilnahme nicht vorgesehen, will dies jedoch nochmals bei ihrem Vorgesetzten hinterfragen, um gegebenenfalls am Gespräch teilzunehmen.

"Das Telefongespräch ist oftmals für Mobbingopfer der erste Schritt."

Seit ca. 2 Jahren engagiere ich mich als ehrenamtliche Telefonberaterin bei der Mobbing-Hotline im Bistum Aachen. Während dieser Zeit habe ich mit einer Vielzahl von Menschen gesprochen, die sich hilfesuchend an das Beratungstelefon gewandt haben.

Die Gründe für einen Anruf reichten von dem einfachen Wunsch, Kontaktadressen vermittelt zu bekommen, zum Beispiel von Selbsthilfegruppen, Ärzten, Rechtsanwälten oder Therapeuten, bis hin zu ausführlichen Beratungsgesprächen.

Das Telefongespräch mit den Mobbingberaterinnen und -beratern ist für die Mobbingopfer oftmals der erste Schritt, das Problem außerhalb von Familie und Freunden zu erörtern. Mit zunehmender Anzahl an Gesprächen habe ich feststellen können, dass viele Anruferinnen und Anrufer zunächst einmal einen unparteiischen Gesprächspartner suchen. Daher betrachte ich es als eine meiner wichtigsten Aufgaben, den Anruferinnen und Anrufern das Gefühl zu vermitteln, dass ich ihnen Ruhe, Geduld und Verständnis für ihre Situation entgegenbringe.

Wenn zu Beginn eines Gespräches bei mir der Eindruck entsteht, mein Gesprächspartner steht emotional sehr unter Druck, sehe ich meine primäre Aufgabe darin, zunächst einmal nur zuzuhören. Erst im nächsten Schritt werde ich mit Hilfe des Anrufers eine grobe Skizze des Konfliktes erarbeiten. Für das eigene Verständnis mache ich Notizen und stelle die geschilderte Situation auch schon mal zeichnerisch dar. Letzteres ist der Versuch, sehr komplexe Mobbingfälle besser zu erkennen.

An eine Anruferin erinnere ich mich besonders deutlich. Die betroffene Person berichtete von den Schikanen ihrer einstmals guten Arbeitskolleginnen. Klassische Verhaltensweisen der Mobber, Verstummen der Gespräche bei Eintritt in das Büro, Übertragen von Tätigkeiten, die nicht der Ausbildung entsprechen, ließen sie im Laufe der Zeit immer mehr spüren, dass etwas nicht mehr stimmte. Während des gesamten Gespräches weinte die Anruferin und war kaum in der Lage, mir ihre Situation zusammenhängend zu schildern. Nach ca. 50 Minuten, ich wollte langsam das Ende des Gespräches einleiten, teilte mir die Anruferin mit, sie habe vor sich auf dem Tisch alle ihre Medikamente stehen und wäre auch bereit, diese zu schlucken. Dies war für mich eine der unangenehmsten Situationen, die ich bisher erlebt habe. Was sollte ich machen? Natürlich beendete ich mein Gespräch nicht und versuchte, die Frau dazu zu bewegen, die vor ihr aufgehäuften Medikamente wieder dahin zurückzubringen, wo sie sie hergeholt hatte. Ich versuchte ihr zu verrnitteln, dass sie mit dem Anruf schon eine große Stärke bewiesen habe und den ersten Schritt zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Problem gegangen sei.

Irgendwann beruhigte sich die Anruferin ein wenig und sagte mir, dass es ihr schon ein wenig besser ginge und dass es ihr nur darum gegangen sei, einmal zu sagen, "Ich kann nicht mehr". Im Prinzip habe sie nicht die Absicht, die Tabletten einzunehmen, aber sie wollte es endlich mal gesagt haben, wie schlecht sie sich fühle.

Meine Situation als Telefonberaterin war in diesem Moment nicht einfach. Ich habe mich gefragt, was ist das Richtige, was muss bzw. darf ich ihr sagen, finde ich die richtigen Worte? Diese Situation hat mich in meiner Meinung bestärkt, dass das Dasein und die Bereitschaft, unvoreingenommen als fremde Person den Schilderungen der Menschen zuzuhören, ihnen eine große erste Hilfe ist.

Mit der Anruferin habe ich vereinbart, dass sie beim nächsten Mobbingberatungstag wieder anrufen solle, auch wenn ich selbst nicht Dienst hätte. Ich glaube, dass ihr das Gespräch in dem Sinne geholfen hat, dass sie den lang aufgestauten Druck zunächst einmal los wurde, und ich hoffe, dass sie die Kraft und den Mut gefunden hat, weitere Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Dieses Gespräch ist ca. ein 3/4 Jahr her. Das Bild, einen Tisch mit Medikamenten und davor eine verzweifelte Frau, ist mir bis heute sehr präsent. Zum Zeitpunkt des Telefonates waren mehrere meiner Kollegeninnen und Kollegen anwesend. Die Situation war direkt nach dem Gespräch für mich weniger belastend als einige Zeit später. Ich habe mir schon öfters die Frage gestellt, wie es dieser Frau gehen mag.

Als Telefonberaterin bleibt es mir meist verwehrt, den Prozessverlauf beobachten zu können. Dies lässt offene Fragen zurück und damit muss ich umzugehen lernen. Dem gegenüber steht die bessere Abgrenzungsmöglichkeit bei nur einmalig stattfindenden Gesprächen.

Auch in Zukunft werde ich am Telefon sitzen und Auskünfte zum Thema "Mobbing am Arbeitsplatz" geben, gleichzeitig möchte ich als geduldige und verständnisvolle Gesprächspartnerin für die Anruferinnen und Anrufer zur Verfügung stehen.