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Gibt es einen Grenzwert für PAK bzw. Benzoapyren, ab dem besondere Schutzmaßnahmen erforderlich werden?

KomNet Dialog 8452

Stand: 09.01.2019

Kategorie: Chemische Belastungen und Beanspruchungen > Zulässige Belastungen > Grenzwerte

Dialog
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Frage:

Bei der Entfernung von Altbeschichtungen ergab sich die Frage, ob es einen Grenzwert für PAK bzw. Benzoapyren gibt, unter dem keine über das übliche Maß hinausgehende Sicherheitsmaßnahmen notwendig werden; bzw. anders formuliert: Gibt es einen Grenzwert, ab dem erst besondere Schutzmaßnahmen z. B. nach TRGS bzw. DGUV Regel 101-004 erforderlich werden. Mir ist es solcher Grenzwert nicht bekannt, können Sie mir da weiterhelfen?

Antwort:

Mit dem damaligen Inkrafttreten der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) 2005 wurden die technisch basierten und nicht ausreichend begründeten Grenzwerte ausgesetzt und seitdem nur noch die gesundheitlich basierten Arbeitsplatzgrenzwerte (AGW) und Biologischen Grenzwerte (BGW) als gesetzliche Grenzwerte zugelassen. Vorher waren in der TRGS 900 auch Technischen Richtkonzentrationen als gesetzliche Grenzwerte für krebserzeugende Stoffe aufgeführt, wie z. B. 0,005 mg/m³ bei der Pech- und Koksherstellung bzw. 0,002 mg/m³ in allen übrigen Bereichen für Benzo[a]pyren (BaP) und 5*10-8 mg/m³ (50 pg/m³) TE (Toxizitätsäquivalente) für chlorierte Dibenzodioxine und –-furane (PCDD/PCDF).


Gemäß der aktuellen Gefahrstoffverordnung sind bei Tätigkeiten mit krebserzeugenden, erbgutverändernden und fortpflanzungsgefährdenden Gefahrstoffen (CMR-Stoffen) grundsätzlich zusätzlich der § 10 "Besondere Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten mit krebserzeugenden, erbgutverändernden und fruchtbarkeitsgefährdenden Gefahrstoffen" zu beachten. Die in den Absätzen 3 bis 5 vorgeschriebenen Schutzmaßnahmen sind nur dann nicht durchzuführen, wenn ein Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) festgelegt wurde und eingehalten wird bzw. wenn die Tätigkeiten entsprechend anerkannter verfahrens- und stoffspezifischer Kriterien (VEK; siehe TRGS 420) durchgeführt werden. Auch muss nach § 9 "Zusätzliche Schutzmaßnahmen" bei Tätigkeiten mit erhöhter Gefährdung der Beschäftigten durch inhalative Exposition die Herstellung und Verwendung möglichst in geschlossenen Systemen stattfinden. Die Einhaltung der Arbeitsplatzgrenzwerte muss durch Messung oder gleichwertiges Verfahren überprüft oder durch Anwendung eines Verfahrens mit anerkanntem VEK sichergestellt werden. Bei Nichteinhaltung des AGW muss die Exposition soweit wie möglich vermindert und ggf. persönliche Schutzausrüstung (PSA) bereitgestellt werden. Auch müssen nach Anhang Teil 1 der Verordnung zur Arbeitsmedizinischen Vorsorge (ArbMedVV) bei Tätigkeiten mit bestimmten gefährlichen Arbeitsstoffen, wie z. B. Asbest, Benzol und PAK, arbeitsmedizinische Pflichtvorsorge bei Nichteinhaltung des AGW durchgeführt werden. Bei krebserzeugenden oder keimzellmutagenen Stoffen oder Gemischen der Kategorie 1A oder 1B gilt dies auch, wenn eine wiederholte Exposition nicht ausgeschlossen werden kann. Sollte keine Pflichtvorsorge erforderlich sein. ist eine Angebotsvorsorge vorgeschrieben.


Grundsätzlich wird es wahrscheinlich nicht möglich sein, für einen krebserzeugenden, erbgutverändernden und fortpflanzungsgefährdenden Stoff der Kategorien 1A oder 1B einen Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) festzulegen. Offensichtlich kann nach der Definition des AGW in § 2 "Begriffsbestimmungen" Absatz 8 der GefStoffV keine Dosis oder Konzentration des Stoffes angegeben werden, bei der keine akut oder chronisch schädlichen Auswirkungen auf die Gesundheit zu erwarten sind. Eine Abweichung von den besonderen Schutzbestimmungen der §§ 9 und 10 wäre daher kaum möglich, da kein AGW existiert oder aufstellbar ist, der eingehalten werden kann. Andererseits müssen Schutzmaßnahmen auch unabhängig von existierenden gesetzlichen Grenzwerten festgelegt werden können, da die meisten der mehr als 100.000 in der EG industriell gehandhabten Stoffe keine gesetzlich festgelegten Grenzwerte besitzen. Aus Praktikabilitätsgründen werden daher in bestimmten Fällen Schwellenwerte für die Konzentrationen von CMR-Stoffen an Arbeitsplätzen als Auslöser für besondere Schutzmaßnahmen aufgestellt, die nicht dem Konzept für die gesundheitsbasierten Arbeitsplatzgrenzwerte (AGW) entsprechen.


Ein Beispiel dafür sind die in Ziffer 2.8 der TRGS 519 "Asbest: Abbruch-, Sanierungs- oder Inhandhaltungsarbeiten" genannten Arbeiten mit geringer Exposition bei einer Asbestfaserkonzentration am Arbeitsplatz von unter 10.000 Fasern/m³. Ein ähnliches Konzept wird auch bei den in Ziffer 3.3 der TRGS 521 "Abbruch-, Sanierungs- und Instandhaltungsarbeiten mit alter Mineralwolle" festgelegten Schutzmaßnahmen der Expositionskategorie 1 bei Faserstaubkonzentrationen unter 50.000 Fasern/m³ umgesetzt.


Nach Ziffer 3 der TRGS 551 "Teer und andere Pyrolyseprodukte aus organischem Material" sind Verwendungsbeschränkungen für PAK-haltige Stoffe europaweit einheitlich in der REACH-Verordnung (Anhang XVII in den Nummern 31 und 50) geregelt.


In der TRGS 557 "Dioxine" werden im Abschnitt 4.2.1 konzentrationsabhängige Schutzmaßnahmen bei Tätigkeiten mit dioxinhaltigem Material beschrieben.


Da für die meisten krebserzeugenden Stoffe derzeit kein gesundheitsbasierter Arbeitsplatzgrenzwert (AGW) ableitbar ist, hat der Ausschuss für Gefahrstoffe mit der TRGS 910 ein risikobezogenes Maßnahmenkonzept für Tätigkeiten mit krebserzeugenden Gefahrstoffen veröffentlicht.

Demnach werden folgende stoffübergreifenden Risikogrenzen wie festgelegt:

-ein Risiko von 4 : 10.000 bzw. von 4 : 100.000 spätestens ab 2018 als Akzeptanzrisiko, wobei ein Risiko

-unterhalb des Akzeptanzrisikos akzeptiert wird (niedriges Risiko, Bereich der allgemeinen bzw. Grundmaßnahmen)

-oberhalb des Akzeptanzrisikos bei Einhaltung der im Maßnahmenkatalog festgelegten Schutzmaßnahmen toleriert wird (mittleres Risiko, Bereich der Schutzmaßnahmen)

-ein Risiko von 4 : 1.000 als Toleranzrisiko, oberhalb dessen ein Risiko nicht tolerabel ist (hohes Risiko, Gefahrenbereich)


Die Risiken, an einem krebserzeugenden Stoff zu erkranken, sind auf eine Lebensarbeitszeit von 40 Jahren bei kontinuierlicher und täglicher Exposition mit diesem Stoff bezogen.


In der TRGS 910 wird die Expositions-Risiko-Beziehung für Asbest wie folgt dargestellt:

• Akzeptanzrisiko von 4 x 10-4 bei 10.000 Asbestfasern/m³

• Toleranzrisiko von 4 x 10-3 bei 100.000 Asbestfaser/m³


Bewertungen des Risikos, bei lebenslanger Exposition mit PAK bzs. BaP als Leitsubstanz an Krebs zu erkranken, sind in Kap. 5.2 der WHO Air Quality Guidelines for Europe 2000 zu finden. Als Risikoeinheit wird dort 8,7 * 10-5 (ng/m³)-1 angegeben. Daraus kann folgende Expositions-Risiko-Beziehung für BaP berechnet werden:

• Akzeptanzrisiko von 4 x 10-4 bei 4,8 ng/m³ BaP bzw. 4 x 10-5 bei 0,5 ng/m³ BaP

• Toleranzrisiko von 4 x 10-3 bei 48 ng/m³ BaP


Diese berechneten Risiken sind allerdings auf lebenslange, ganztägige Exposition und auf 40 Jahre Lebensarbeitszeit mit wöchentlich fünftägiger und täglich achtstündiger Exposition bezogen. Es handelt sich nicht um gesetzliche festgelegte Grenzwerte, sondern lediglich um Orientierungswerte zur Gefährdungsanalyse und Wirksamkeitskontrolle.