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KomNet-Wissensdatenbank

Gibt es Erkenntnisse zur Gesundheitsgefährdung durch sog. Duftstecker?

KomNet Dialog 6732

Stand: 15.06.2008

Kategorie: Chemische Belastungen und Beanspruchungen > Zulässige Belastungen > Belastungen, Belastungsreduktion

Dialog
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Frage:

In einer Pflegeeinrichtung hat sich herausgestellt, dass sowohl in Bewohnerzimmern als auch in den Gemeinschafts- und Aufenthaltsräumen sog. Duftstecker mit Vanillearoma verwendet werden. Darauf hingewiesen, dass dieses fortwährende Angebot an parfümierter Raumluft grundsätzlich und insbesondere in den Bewohnerzimmern während der Nacht- und Ruhezeiten nicht bei jedem Bewohner zur Erhaltung des Wohlbefindens beitragen könne, erklärte die Heimleitung, bislang keine negativen Rückmeldungen erhalten zu haben. Nach meinen bisherigen Recherchen liegen Erkenntnisse vor, nach denen das zugegebenermaßen in Mode gekommene Verdampfen von Aromaölen in Duftlampen und raumlufttechnischen Anlagen nicht unproblematisch ist. Hierdurch können Sensibilisierungen entstehen und nachfolgend allergische Reaktionen bis hin zu asthmatischen Anfällen ausgelöst werden. Vor dem Hintergrund, dass die genannten Untersuchungsergebnisse sich auf die Beurteilung eines Arbeitsplatzes beziehen, ist m.E. die 24 Stunden andauernde Beduftung noch wesentlich kritischer zu bewerten. Allerdings hat meine konkrete Rückfrage bei der Arbeitsschutzverwaltung ergeben, dass es keine Vorschrift gibt, die den Einsatz von Duftsteckern -beispielsweise bei Innenraumarbeitsplätzen - verbietet. Gibt es Erkenntnisse zur dauerhaften Aromatisierung der Raumluft im Hinblick auf die Gesundheit der Bewohner und Arbeitskräfte?

Antwort:

Grundsätzlich können Duftstoffe beim Menschen belebende Wirkungen entfalten sowie positiv zur Gesundheit, zum Wohlbefinden und zur Lebensqualität beitragen. Wenn Menschen jedoch einer Raum- und Produktbeduftung ständig ausgesetzt sind, können jedoch, vor allem wenn keine freie Entscheidung über das Ausgesetztsein möglich ist, auch negative Wirkungen mit Belästigungsempfindungen, Befindlichkeitsstörungen und gesundheitlichen Beschwerden hervorgerufen werden.

Nach der im Hintergrundpapier „Duftstoffe: Wenn Angenehmes zur Last werden kann” veröffentlichten Stellungnahme des Umweltbundesamtes (UBA) wird die heute in Privatwohnungen, Büro-, Geschäfts- und Verkaufsräumen sowie in öffentlichen Einrichtungen weit verbreitete Raumbeduftung als kritisch angesehen. Eine große Vielzahl von natürlichen und synthetischen Duft- und Aromastoffen wird ausgiebig nicht nur in Wasch- und Reinigungsmitteln, Kosmetik und Pflegemitteln, sondern teilweise auch im Lebensmittelbereich, in Textilien und Druckerzeugnissen, in Kunststoffen sowie in Wohnkulturartikeln eingesetzt., wie z.B. in Duftkerzen, Duftlampen, Raumsprays und Duftsteckern. In vielen Fällen wird eine Raumbeduftung zwar subjektiv als angenehm empfunden, aber objektiv keine wirkliche Verbesserung der Raumluftqualität erreicht. Im Gegenteil wird oftmals die Raumluftqualität durch Vermehrung von gesundheitlich belastenden chemischen Stoffen verschlechtert. Hier wäre es angebracht, eher durch Sanierungen und hygienische Maßnahmen als lediglich durch Maskierung schlechter Gerüche durch Duftstoffe eine Verbesserung der Raumluftqualität zu erreichen.

Erschwerend kommt dazu, dass eine große Anzahl der in den ätherischen Ölen und Parfümölen vorkommenden Stoffe sensibilisierende, reizende, gesundheitsschädliche und umweltgefährliche Eigenschaften aufweisen und daher nach EU Chemikalienrecht als gefährliche Stoffe eingestuft und gekennzeichnet werden müssen, wobei 26 in fast allen Duftzubereitungen vorkommende Stoffe als besonders kritisch angesehen werden, wie z. B. Limonen, Zimtaldehyd, Linalool, Citral, Geraniol, Coumarin und Eugenol. In früherer Zeit waren in den Duftzubereitungen auch einige sehr bedenkliche synthetische Duftstoffe enthalten, wie z. B. Moschus-Xylol und Moschus-Keton enthalten, die hoffentlich heute nicht mehr in neuen Produkten eingesetzt werden. Zwar werden die meisten durch Duftstoffe verursachten Allergien vor allem durch Hautkontakt ausgelöst, aber bei bereits bestehenden Allergien kann die Auslösung von allergischen Symptomen auch durch Einatmen bisher nicht ausgeschlossen werden. Eine Untersuchung über allergische Reaktionen auf Duftstoffe wird gegenwärtig in einer durch das Umweltbundesamt geförderten Studie des Informationsverbundes Dermatologischer Kliniken (IVDK) untersucht.

Nach einer Umfrage und Studie des Deutschen Allergie- und Asthmabundes e.V. (DAAB) zum Einsatz von Beduftung in öffentlichen Räumen wird als besonders kritisch die Informationspraxis zum Duftstoffeinsatz gesehen. Mehr als die Hälfte der Anwender informiert gar nicht über den Einsatz von Raumbeduftung oder erst auf Nachfrage. Ein Drittel der Anwender setzen voraus, dass die Besucher und Kunden selbst auf den Einsatz von Raumbeduftung aufmerksam werden, weil diese offensichtlich durchgeführt würden. Zum Schutz der Allergiker, Asthmatiker und besonders empfindlicher Personen wird daher sowohl eine bessere Transparenz des Duftstoffeinsatzes als auch eine angemessene Information der Betroffenen gefordert. Auch ist eine Aufklärung der Anwender über Auswirkung der Raumbeduftung auf die Qualität der Innenraumluft dringend erforderlich.

Die in der Fragestellung angesprochene ganztägige Raumbeduftung aller Gemeinschaft- und Aufenthaltsräume, aber auch aller Räume der Bewohnerinnen und Bewohner, ist mit den bisher vorliegenden Erkenntnissen als sehr bedenklich zu bewerten. Zwar gibt es keine unmittelbare gesetzliche Handhabe oder Vorschriften aufgrund der nur minimalen Konzentrationen der Duftstoffe in der Raumluft, den ständigen Einsatz der so genannten Duftstecker vor allem in Wohnräumen zu verbieten. Auch seitens der technischen Sicherheit der Duftstecker und des Energieverbrauches mit Leistungsaufnahmen in der Regel unter 4 Watt gibt es keine Anhaltspunkte, um den Dauergebrauch der Duftstecker einzuschränken.
Jedoch sollten angesichts des oft labilen Gesundheitszustandes der Bewohnerinnen und Bewohner von Pflegeeinrichtungen Schädigungen der Atemwege durch sensibilisisierende und reizende, und Schädigungen des Immunsystems durch gesundheitsschädliche Stoffe unbedingt vermeiden werden. Es gehört daher zur Vorsorgepflicht der Träger dieser Einrichtungen, die Bewohnerinnen und Bewohner nicht der Dauerbelastung durch diese Stoffe auszusetzen, solange keine gesicherten Erkenntnisse über die langzeitigen Einzelstoff- und Kombinationswirkungen bestehen. Außerdem wird durch den Dauereinsatz einer großen, möglicherweise unzureichend beaufsichtigten Anzahl von Duftsteckern die Brandgefahr insgesamt erhöht, da es sich bei den in den Duftsteckern verwendeten Duftstoffen um brennbare Substanzen handelt, die im Falle einer Fehlfunktion des elektrischen Funktionsteils entzündet werden und zur Entstehung eines größeren Brandes beitragen können.