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Darf ein Mitarbeiterin in Bereichen beschäftigt werden, in der Lösemittelkonzentrationen in der Luft festgestellt wurden?

KomNet Dialog 6049

Stand:

Kategorie: Besondere Zielgruppen > Werdende und stillende Mütter > Gefährdungen für werdende / stillende Mütter

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Frage:

Eine werdende Mutter arbeitet an einem Bildschirmgerät, ihre Arbeitszeit ist nach dem MuSchG angepasst worden. Ihr Arbeitsplatz befindet sich am Rande eines Fertigungsbereiches, in dem Lösemittel, Primer und Reiniger verwendet werden. Eine zufällige Luftmessung von Lösemittelanteilen ergab eine Konzentration von ca. 5,5 mg/m³ gegenüber dem Außenbereich mit 1 mg/m³. Im angrenzenden Lackierbereich werden unter anderem auch Härter und Verdünnungen eingesetzt, die mit R63 eingestuft sind. Meine Frage ist, ob diese Mitarbeiterin unbedenklich dort weiter beschäftigt werden kann? Ich bin als Sicherheitsfachkraft der Auffassung, dass dem nicht so ist, weil eben die drei Stoffe dort sind, und nicht genau bestimmt werden kann, dass nicht doch andere Stoffe in ihren Arbeitsbereich kommen und laut MuSchV nicht alle Stoffe am Arbeitsplatz per Messungen auf Arbeitsplatzgrenzwerte hin überprüft wurden. Darf die Mitarbeiterin in dem Bereich weiter beschäftigt werden?

Antwort:

Die Zweifel, ob die Schwangere weiterhin unbedenklich an ihrem Arbeitsplatz beschäftigt werden kann, sind auf der Basis des dargestellten Sachverhalts durchaus berechtigt. Allerdings ist wegen weiterer fehlender Details eine klare Antwort schwierig.

Lösungsmittel und lösungsmittelhaltige Produkte sind leicht flüchtig und werden deshalb, soweit sie nicht in geschlossenen Systemen verwendet werden, schnell in die Raumluft abgegeben. Allgemein haben Lösungsmittel eine narkotische, berauschende Wirkung. Sie können zu Kopfschmerzen, Übelkeit und Müdigkeit führen und Leber, Nieren und das Zentralnervensystem schädigen. Einige Lösungsmittel stehen im Verdacht Krebs erzeugend zu sein und bei Schwangeren Frucht schädigend zu wirken. Diese Gefahr besteht insbesondere in der Frühschwangerschaft. Genauere Angaben zum Gefährdungspotential einzelner Lösungsmittel können nur unter Heranziehung der jeweiligen Sicherheitsdatenblätter der Produkthersteller ermittelt werden.

Die Arbeitsplätze und Arbeitsbedingungen besonders schutzbedürftiger Personen bedürfen generell einer kritischen Betrachtung und einer frühzeitigen, genauen Prüfung. Um Gesundheitsrisiken für Mutter und Kind durch bestimmte Arbeiten, chemische Gefahrstoffe, biologische Arbeitsstoffe oder schädliche physikalische Faktoren auszuschließen, sind Arbeitgeber verpflichtet, im Rahmen einer Arbeitsplatzbeurteilung Art, Ausmaß und Dauer der Gefahren zu analysieren und ggf. Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Die übrigen mutterschutz-rechtlichen Regelungen und Normen (insbesondere die Beschäftigungsbeschränkungen und -verbote gemäß Mutterschutzgesetz - MuSchG und Mutterschutzverordnung - MuSchArbV) sind dabei zu berücksichtigen.
Soweit mögliche Gefährdungen noch ungeklärt sind, besteht für die Arbeitnehmerin ein Beschäftigungsverbot (siehe auch§ 7 Abs. 1 Gefahrstoffverordnung und Urteil des Bundesarbeitsgerichtes - BAG Urt. Az. 4 AZR 49/98) . Sie darf erst dann weiter beschäftigt werden, wenn die Beurteilung eindeutig ergeben hat, dass sie an ihrem Arbeitsplatz keinen Gefährdungen ausgesetzt ist. Ergibt die Beurteilung Gegenteiliges, sind Schutzmaßnahmen in folgender Rangfolge zu ergreifen:

1. technische und/oder organisatorische Umgestaltung der Arbeit (z. B. durch Ausschluss gefährlicher Arbeiten, Arbeitserleichterung, Anpassung der Arbeitszeit)
2. vorübergehende Umsetzung auf einen anderen, geeigneten Arbeitsplatz.
3. Beschäftigungsverbot (Freistellung), solange auf andere Weise die Sicherheit und Gesundheit von Mutter oder Kind nicht gewährleistet werden kann.

Die Ergebnisse der speziellen Arbeitsplatzanalyse sind Teil der gesetzlich vorgeschriebenen Unterweisung. Diesbezüglich bestehen für den Arbeitgeber Informationspflichten gegenüber Betroffenen, Arbeitnehmerinnen und Personalvertretung, die einzuhalten sind (§ 2 MuSchArbV).

Arbeitsplatzbeurteilungen im Sinne des § 1 MuSchArbV müssen rechtzeitig erfolgen. In Fällen, in denen bereits im Frühstadium einer Schwangerschaft eine Gefährdung bestehen kann, sind die Arbeitsbedingungen bereits bei Beginn der Beschäftigung von gebärfähigen Arbeitnehmerinnen zu ermitteln, ansonsten jedoch spätestens nach Bekanntwerden der Schwangerschaft.

Da zur Sache offenbar unterschiedliche Meinungen zwischen den Parteien bestehen, ist zu empfehlen, ggf. die für den Betrieb örtlich zuständigen Aufsichtbehörde an der Prüfung und Beurteilung zu beteiligen. Die Adressen der örtlich zuständigen Arbeitsschutzbehörden in den Bundesländern werden im Internet z.B. angeboten unter www.arbeitsschutz.nrw.de (Rubrik: "Arbeitsschutz in ...").

Stand: Oktober 2007