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KomNet-Wissensdatenbank

Kann ich ohne Gefahr einer Kündigung eine ärztliche Bescheinigung beim Arbeitgeber abgeben, dass ich nicht schwer heben darf?

KomNet Dialog 4226

Stand: 20.08.2012

Kategorie: Gestaltung von Arbeitsplätzen > Ergonomie > Heben, Tragen, Schieben, Ziehen, Stehen

Dialog
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Frage:

Ich bin 55 Jahre alt und als Schulhausmeister beschäftigt. Die anfallenden Arbeiten kann ich weitgehend und zur vollen Zufriedenheit ausführen. Bis auf ein mal im Jahr zu den Sommerferien: in kürzester Zeit sind die Möbel von 6 bis 10 Klassenräumen innerhalb zwei zweistöckiger Gebäude auszutauschen. Wenn ich Glück habe, bekomme ich einen Helfer. Ansonsten kümmert es niemanden. Ich bitte meine Söhnen oder Bekannte um Unterstützung. Da ich gesundheitliche Probleme habe (ich hatte bereits eine Reha-Maßnahme wg. Lenden- u. Halswirbelsäule, Oberarmgelenk verkalkt, Kniescheibenschaden) hat mir der Orthopäde und auch die Rehaklinik bescheinigt, dass ich u.a. nicht schwer heben darf. Aber diese Bescheinigungen habe ich dem Arbeitgeber nie vorgelegt aus Angst um meinen Job. Nochmals: in der Regel kann ich meinen Dienst verrichten, auch schwere Sachen transportieren. Ich lasse mich halt öffters `fitspritzen`. Aber in der konzentrierten Form der Belastung zu den Ferien bin ich der Arbeit nicht gewachsen, zumal ich um Hilfe betteln muß. Meine Frage: kann ich ohne Gefahr einer Kündigung eine Bescheinigung dem Arbeitgeber abgeben, in der der Arzt bescheinigt, dass ich nicht schwer heben darf?? Hat der Arbeitgeber mir dann dieses eine mal im Jahr Helfer zu stellen?

Antwort:

Die Frage betrifft im Prinzip zwei Bereiche, nämlich den Bereich des Arbeitsrechtes (Kündigungsschutz) und den Bereich des Arbeitsschutzes (Arbeitsorganisation, Heben und Tragen von Lasten).

Zum Kündigungsschutz können wir keine abschließende Stellungnahme abgeben, wir sehen es aber als nicht sehr realistisch an, dass Sie durch das von Ihnen genannte ärztliche Attest sich der Gefahr einer Kündigung aussetzen. Vielmehr sollten Sie bedenken, dass Ihr Arbeitgeber Ihnen möglicherweise Vorwürfe macht, wenn Sie ihn nicht über vorhandene gesundheitliche Beeinträchtigungen informieren und es durch Überlastung zu einer Erkrankung kommt.
Ggf. sollten Sie sich von einer im Arbeitsrecht autorisierten Institution (Rechtsanwalt, Gewerkschaft) beraten lassen, wie Sie mit der Situation umgehen. Wenn ein Betriebs-/Personalrat vorhanden ist, sollten Sie auch diesen ansprechen.

Der Betriebs-/Personalrat, aber insbesondere der Betriebsarzt und die Fachkraft für Arbeitssicherheit können Ihnen beim arbeitsschutzrechtlichen Aspekt behilflich sein. Nach dem Arbeitsschutzgesetz muss der Arbeitgeber im Rahmen einer Gefährdungsbeurteilung mögliche Gefährdungen am Arbeitsplatz ermitteln und die nötigen Maßnahmen treffen. Konkretisiert wird dieses in der Lastenhandhabungsverordnung:

§ 2 Maßnahmen
(1) Der Arbeitgeber hat unter Zugrundelegung des Anhangs geeignete organisatorische Maßnahmen zu treffen oder geeignete Arbeitsmittel, insbesondere mechanische Ausrüstungen, einzusetzen, um manuelle Handhabungen von Lasten, die für die Beschäftigten eine Gefährdung für Sicherheit und Gesundheit, insbesondere der Lendenwirbelsäule mit sich bringen, zu vermeiden.

(2) Können diese manuellen Handhabungen von Lasten nicht vermieden werden, hat der Arbeitgeber bei der Beurteilung der Arbeitsbedingungen nach § 5 des Arbeitsschutzgesetzes die Arbeitsbedingungen insbesondere unter Zugrundelegung des Anhangs zu beurteilen. Aufgrund der Beurteilung hat der Arbeitgeber geeignete Maßnahmen zu treffen, damit eine Gefährdung von Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten möglichst gering gehalten wird.

§ 3 Übertragung von Aufgaben
Bei der Übertragung von Aufgaben der manuellen Handhabung von Lasten, die für die Beschäftigten zu einer Gefährdung für Sicherheit und Gesundheit führen, hat der Arbeitgeber die körperliche Eignung der Beschäftigten zur Ausführung der Aufgaben zu berücksichtigen.

§ 4 Unterweisung
Bei der Unterweisung nach. § 12 des Arbeitsschutzgesetzes hat der Arbeitgeber insbesondere den Anhang und die körperliche Eignung der Beschäftigten zu berücksichtigen. Er hat den Beschäftigten, soweit dies möglich ist, genaue Angaben zu machen über die sachgemäße manuelle Handhabung von Lasten und über die Gefahren, denen die Beschäftigten insbesondere bei unsachgemäßer Ausführung der Tätigkeit ausgesetzt sind.

Weitere Informationen, insbesondere zur Bewertung von Hebe- und Tragevorgänge bieten die Dialogeder KomNet-Datenbank an. Auf Dialog 2668 , der auf die Leitmerkmalmethode (LASI-Leitfaden LV 9: Handlungsanleitung zur Beurteilung der Arbeitsbedingungen beim Heben und Tragen von Lasten , Internet: http://lasi.osha.de/docs/lv9.pdf ) Bezug nimmt, weisen wir insbesondere hin.

Weitere Informationen:
http://www.arbeit-und-gesundheit.de/webcom/show_article.php/_c-661/_nr-91/i.html