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Wie ist bei der Gefährdungsbeurteilung die in der EG-Lärmrichtlinie genannte Wechselwirkung von Lärm und ototoxischen Stoffen zu beurteilen?

KomNet Dialog 4201

Stand:

Kategorie: Physikalische Belastungen und Beanspruchungen > Lärm > Lärmmessungen, Grenzwerte

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Frage:

In Verbindung mit der Umsetzung der EG Richtlinie `Lärm`(2003/10/EG)in nationales Recht wird darauf hingewiesen, dass die Gefährdung des Hörvermögens auch bezüglich einer Wechselwirkung zwischen Lärm, der Einwirkung ototoxischer (Hörnerv-schädigender) Stoffe (z.B. Kohlenmonoxid, Toluol)und Ganzkörpervibrationen zu beurteilen ist. Kann davon ausgegangen werden, dass keine Gefährdung vorliegt, wenn bei der Tätigkeit ein vorhandener Arbeitsplatzgrenzwert gemäß TRGS 900 eingehalten wird? Also für die genannten Beispiele Toluol der AGW von 50 ppm bzw. CO der AGW von 30 ppm nicht überschritten wird. Wie soll die Gefährdung bei Verwendung von Stoffen ohne AGW beurteilt werden? Welche Risikosätze geben einen Hinweis auf ototoxische Stoffeigenschaften? Gibt es Stoff mit ototoxischen Eigenschaften, die nicht als Gefahrstoff eingestuft sind? Kann von der Einnahme bestimmter Medikamente (z.B. Salicylate, Antibiotika) auch eine Gefährdung ausgehen. Wenn ja, wie kann dies bei der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigt werden?

Antwort:

Die angesprochene Problematik (Kombinationswirkung von Lärm und anderen ototoxischen Einwirkungen) kann nur in enger Zusammenarbeit zwischen Betriebsarzt und Sicherheitsfachkraft konkret bearbeitet werden. Hierzu dient vor allem die Gefährungsbeurteilung nach dem Arbeitsschutzgesetz.

Folgende allgemeine Anmerkungen können gegeben werden:
1. Die EU hat nicht nur den Lärm als Einzelnoxe mit dem Zielorgan "Innenohr" gesehen, sondern in der Richtlinie auch andere gehörschädigenden Einwirkungen einbezogen.
2. Wissenschaftlich handelt es sich um ein heterogenes Gebiet, auf dem neben gesicherten Erkenntnissen auch eine Vielzahl von wenig abgesicherten, auf der Basis von Plausibilitäten beruhenden Annahmen und Vermutungen existieren. Bestimmte (häufig auch pharmazeutisch verwendete) Substanzen sind spezifisch ototoxisch. Andere Substanzen sind eher neurotoxisch, so dass von daher angenommen wird, dass es bei einer Doppelbelastung durch Lärm und diesen Substanzen zu einer Wirkungsverstärkung an den neuralen Strukturen im Innenohr kommt oder kommen könnte. Schließlich sind auch mechanische Belastungen einbezogen worden, die zu einer Verschlechterung der Blut- bzw. Nährstoffversorgung führen können. Diese spielt im Innenohr eine besondere Rolle, da die schallperzeptiven Strukturen im Innenohr nur indirekt über die Diffusion ernährt werden.
3. Generell nimmt man aktuell an, dass die Einbeziehung verschiedener Noxen in Betrachtungen von Kombinationswirkungen nur dann erfolgen sollte, wenn a) eine sog. gemeinsame Wirkungsendstrecke vorliegt (z. B. gemeinsame Einwirkung unterschiedlicher Lösemittel hinsichtlich neurotoxischer Effekte) oder b) die jeweilige Noxe oberhalb ihres Grenzwertes (z. B. AGW) einwirkt. Unterhalb dieses Wertes kann im Allgemeinen (Ausnahme siehe a)) eine Betrachtung zu Kombinationseffekten unterbleiben.

Neben beruflichen Kombinationswirkungen sollten auch außerberufliche, möglicherweise verstärkend wirkende Faktoren berücksichtigt werden, wie z. B. Vorerkrankungen, Konsumgifte. Hierzu ist ein individuelles Untersuchungs- und Beratungsangebot (über den G20 -"Lärm" hinaus im Sinne einer Untersuchung und Beratung nach § 3 Arbeitssicherheitsgesetz - ASiG) sinnvoll und sollte bei entsprechender betrieblicher Gefährdungssituation durch den Betriebsarzt angeboten werden.