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KomNet-Wissensdatenbank

Risikobewertung von Explosionsgefährdungen zur Erstellung des Explosionsschutzdokuments

KomNet Dialog 3501

Stand: 27.01.2011

Kategorie: Sichere Anlagen / Sicherer Betrieb > Explosionsschutz, Anlagen in explosionsgefährdeten Bereichen > Sicherheitstechnische Anforderungen, Sicherheitseinrichtungen

Dialog
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Frage:

Risikobewertung von Explosionsgefährdungen zur Erstellung des Explosionsschutzdokuments Im Rahmen der Erstellung eines Explosionsschutzdokuments für ein Tanklager soll zur Gefährdungsbeurteilung von Explosionsgefahren eine Risikobewertung durchgeführt werden. Dazu wird das Produkt aus den Auftretenswahrscheinlichkeiten von Ex-Atmosphäre und Zündquellen einerseits und des Schadensausmaßes andererseits gebildet und in einer Matrix dargestellt. Als stärkstes Schadensausmaß wird der Tod eines Beschäftigten zu Grunde gelegt. Wenn ein Beschäftigter nun in einer Ex-Zone 1 arbeitet, in der explosionsfähige Atmosphäre gelegentlich vorhanden ist (z. b. in einer Pumpstation mit mehreren Pumpen für leichtentzündliche Flüssigkeiten), gleichzeitig das Volumen der Ex-Atmosphäre so groß ist, dass er bei einer Explosion sterben könnte, so ergibt sich aus der Risikobeurteilung ein signifikantes Risiko, somit definitionsgemäß ein Handlungsbedarf, d. h. eine erforderliche Änderung der Arbeitsbedingungen. D. h., auch bei noch so guter Personalauswahl, Schulung, Unterweisung und Kontrolle des Beschäftigten liegt in einer Zone 1 aufgrund der möglichen Todesfolge und der Wahrscheinlichkeit von Ex-Atmosphäre + Fehlerfaktor Menschimmer ein so hohes Risiko vor, dass das Ergebnis der Risikobewertung immer lautet: Zustand sollte geändert werden. Dies widerspricht jedoch gängiger Praxis und Erfahrung. Oder kann der ermittelte Handlungsbedarf dahin gehend gedeutet werden, dass Schutz- und Kontrollmaßnahmen kontinuierlich durchgeführt werden müssen?

Antwort:

Gemäß § 5 Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV), unter Berücksichtigung der Ergebnisse der Gefährdungsbeurteilung, muss der Arbeitgeber die ermittelten explosionsgefährdeten Bereiche in Zonen entsprechend Anhang 3 BetrSichV einteilen. Dies wird dann im Explosionsschutzdokument (§ 6 BetrSichV) und im Ex-Zonenplan dokumentiert.
Explosionsgefährdete Bereiche sind dadurch gekennzeichnet, dass in ihnen gefährliche explosionsfähige Atmosphäre auftreten kann. Gefährlich ist die explosionsfähige Atmosphäre, wenn sie in gefahrdrohender Menge auftritt. Und dies ist damit verknüpft, dass besondere Schutzmaßnahmen für die Aufrechterhaltung des Schutzes von Sicherheit und Gesundheit der Arbeitnehmer oder Anderer erforderlich werden (vergl. § 2 Absätze 9 u. 10 BetrSichV).

Weiterhin ist zu bedenken, dass eine Zone (0, 1 oder 2) eine Beschreibung von Wahrscheinlichkeiten ist, da die Zonenfestlegung eine Bezugsgröße zu der Wahrscheinlichkeit des Auftretens von gefährlicher explosionsfähiger Atmosphäre darstellt. Üblicherweise durch die Zeitintervalle – häufig, ständig, lange, gelegentlich, selten, kurzzeitig, normalerweise nicht, etc. – beschrieben.

Das die Festlegung der Ex-Zonen streng an den örtlichen Gegebenheiten angepasst und auf die kleinste mögliche Einheit beschränkt bleiben muss, lässt sich auch auf die Substitutionspflicht nach der Gefahrstoffverordnung zurückführen. In Verbindung mit Anhang I Nr. 1 GefStoffV wird der Arbeitgeber verpflichtet bei der Festlegung von Schutzmaßnahmen die Verhinderung der Bildung gefährlicher explosionsfähiger Gemische als erste Maßnahme durchzuführen. Dies kann üblicherweise
- durch Substitution der Stoffe, die die gefährlich explosionsfähige Atmosphäre hervorrufen, oder
- der Einschränkung der Bildung dieser Stoffe durch technische Lüftung oder Inertisierung, oder
- durch die Beseitigung (z.b. Absaugen) der Stoffe erreicht werden.
Erst danach werden die sekundären Maßnahmen, wie Zündquellenbetrachtung und -vermeidung und Zonenfestlegung, durchgeführt.
Sollte dies immer noch nicht ausreichen müssen konstruktive Maßnahmen (tertiär) an den Anlagen durchgeführt werden:
- explosionsdruckfeste Bauweise
- explosionsdruckstoßfeste Bauweise
- Explosionsunterdrückungssysteme
- Explosionsdruckentlastungen.

Die von ihnen durchgeführte Risikobewertung ist ein Modell zur Bewertung der Explosionsgefahr. Das Ziel ist dabei das Schadensausmaß auf ein vertretbares Restrisiko zu vermindern.
Sollten die zuvor beschriebenen Maßnahmen, die sich aus der Gefahrstoffverordnung und der Betriebssicherheitsverordnung ergeben, schon erfüllt sein und auch konstruktive Änderungen der technischen Komponenten (z.B. Ausführung als auf Dauer technisch dichte Anlagenteile) umgesetzt sein, dann kann ihr Ergebnis einen konkreten Handlungsbedarf bedeuten.

Bei Einhaltung der Grenzwerte ist die Tätigkeit von Personen in explosionsgefährdeten Bereichen gem. der durchgeführten Gefährdungsbeurteilung zulässig. Wenn allerdings die Gefährdungsbeurteilung zu dem Ergebnis kommt, dass Handlungsbedarf besteht, dann muss diesem Ergebnis seitens des Arbeitgebers auch Rechnung getragen werden und die Gefahr muss für die Beschäftigten reduziert werden. Sofern keine Schutzmaßnahmen mehr greifen ist u.U. das Betreten des Anlagenteils zu untersagen oder die „Ex-freiheit“ der Atmosphäre muss durch persönliche Gaswarngeräte sichergestellt werden.
Weiterhin ist zu prüfen ob relevante Arbeiten nicht per Arbeitserlaubnisscheinverfahren durchgeführt werden müssen, in dem besondere Schutzmaßnahmen festgelegt werden, die über das im Normalbetrieb notwendige Maß hinausgehen.
Die BetrSichV bzw. die GefStoffV sehen u.a. folgende organisatorischen Schutzmaßnahmen (Schutzmittel für Arbeitnehmer) vor:
- Unterweisung der Beschäftigten
- Schriftliche Arbeitsanweisungen
- Arbeitsfreigabesystem für Tätigkeiten
- Evtl. angemessene Aufsicht stellen
- Einsatz von Gaswarngeräten
- Wenn erforderlich geeignete Persönliche Schutzausrüstung zur Verfügung stellen
- Überprüfung der Explosionssicherheit durch befähigte Personen
- Kennzeichnung der explosionsgefährdeten Bereiche

Darüber hinaus ist es empfehlenswert ihre Ergebnisse mit einem anderen Modell / einer anderen Analyse zu überprüfen. Hierbei empfiehlt sich die Vorgehensweise aus dem Praxis-Leitfaden zur Umsetzung der Explosionsschutzrichtlinie 1999/92/EG der EU-Kommission (siehe Kapitel 2.2 ff.).

Für konkrete Festlegungen bitten wir Sie, sich mit dem zuständigen Arbeitsschutzbehörde in Verbindung zu setzen und die Fragen vor Ort zu klären. Unter http://lasi.osha.de/de/gfx/systems/laenderkarte.php finden Sie die zuständigen Landesbehörden. 

Arbeitsschutzvorschriften sowie weitere Rechtsvorschriften können Sie unter www.arbeitsschutz.nrw.de/Service/rechtsvorschriften/index.php (--> Rechtsvorschriften Arbeitsschutz) oder www.gaa.baden-wuerttemberg.de/servlet/is/16032 aufrufen.


Stand: Januar 2011