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Was ist bei der Reintegration eines sehbehinderten Menschen in einem Handwerksbetrieb zu beachten?

KomNet Dialog 2829

Stand:

Kategorie: Gesunde Arbeit / Arbeitsschutz > Besondere Zielgruppen > Leistungsgewandelte Arbeitnehmer/innen, (Schwer-) Behinderung

Dialog
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Frage:

Ist nach erworbener funktioneller Einäugigkeit nach einer Adaptationszeit von ca. 3-6 Monaten die Reintegration in einen handwerklichen Bereich (z. B. Gas- Wasserinstallateur) vertretbar? Sind zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz des sehenden Auges erforderlich? Wie ist eine Tätigkeit mit Absturzgefahr, auf Leitern und Gerüsten einzuschätzen? Besteht hier eine erhöhte Unfallgefährdung?

Antwort:

Grundsätzlich gilt, dass der Zeitpunkt der Reintegration vom Betriebsarzt unter Berücksichtigung
· der realen Arbeitsanforderungen,
· des Grades der Einschränkung des Sehvermögens und
· des Fortschritts der individuellen Anpassung an das veränderte Sehvermögen
erfolgen sollte.

Im Einzelfall, der vom Betriebsarzt zu prüfen ist, ist hierbei ein augenärztliches Gutachten erforderlich. Besondere Regelungen für die Arbeitsplatzgestaltung sollten auch mit dem Betriebsarzt abgestimmt werden.

Spezielle Kriterien für die Eignung für die genannten Tätigkeiten gibt es nicht.
Das berufsgenossenschaftliche Vorschriftenwerk nennt nur im Zusammenhang mit Fahr-, Steuer- und Überwachungstätigkeiten Mindestkriterien für das Sehvermögen. Diese sind an die Regelungen für das Führen von Kraftfahrzeugen im Straßenverkehr angelehnt.
Für die Tätigkeitsbereiche auf Leitern und Gerüsten gibt es keine diesbezüglichen Vorschriften. Sinngemäß kann aber der Kommentar zum G 25 genutzt werden (Anlage).

Zusätzliche Maßnahmen für den Schutz des sehenden Auges sind nicht erforderlich.
Der übliche, für die Tätigkeiten vorgeschriebene Augenschutz sollte selbstverständlich konsequent genutzt werden.


Anlage
BGI 784
Kommentar zum G 25 Berufsgenossenschaftlicher Grundsatz für arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen »Fahr-, Steuer- und Überwachungstätigkeiten
«

3. 1 Sehvermögen
Ausführlich werden im G 25 Mindestanforderungen an das Sehvermögen beschrieben (Tabelle 1 des G 25). Hierzu zählen neben der Sehschärfe weitere Sehfunktionen wie räumliches Sehen, Farbensehen, Gesichtsfeld sowie Dämmerungssehen und Blendungsempfindlichkeit.
Zur Beurteilung des Sehvermögens von Fahr-, Steuer- und Überwachungspersonal reichen Untersuchungen durch Arbeits- oder Betriebsmediziner aus, die zur Durchführung von arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchungen nach dem G 25 ermächtigt sind. Werden die Mindestanforderungen jedoch nicht erfüllt, ist dem Betroffenen zu empfehlen, unabhängig von der arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchung einen Augenarzt aufzusuchen. Erst nach Diagnose der Fehlsichtigkeit und deren Korrektion durch den Augenarzt kann die Untersuchung abgeschlossen werden.
Die Mindestanforderungen an die Sehschärfe können nur bei innerbetrieblichen Fahr-, Steuer- und Überwachungstätigkeiten herangezogen werden. Im Verkehrsrecht sind abweichende Anforderungen festgelegt (z.B. Anlage 6 FeV, § 48 EBO).
Insbesondere für die Sehschärfe und das räumliche Sehen wird eine tätigkeitsbezogene Beurteilung verlangt. Hier sind Erfahrung und Arbeitsplatzkenntnis des ermächtigten Arztes besonders gefragt.
Räumliches Sehen ist insbesondere beim Führen von Gabelstaplern, Kranen oder fahrbaren Arbeitsmaschinen sicherheitsrelevant. Hierbei geht es darum zu untersuchen, ob der Fahrer Gegenstände in einer Entfernung von höchstens einigen Metern bezüglich ihrer Lage zueinander und zu sich selbst korrekt beurteilen kann. Aus diesem Grund ist eine tätigkeitsbezogene individuelle Beurteilung erforderlich.

Eine arbeitsplatzbezogene Beurteilung ist Bedingung für eine Zulassung Einäugiger zu Fahr-, Steuer- und Überwachungstätigkeiten. Als funktionell einäugig gilt - analog zur Fahrerlaubnis-Verordnung - auch, wer auf einem Auge eine Sehschärfe von weniger als 0,2 besitzt. Die Mindestwerte für die Sehschärfe Einäugiger sind sowohl bei Erst- als auch bei Nachuntersuchungen heranzuziehen.

Farbsinnstörungen im Rotbereich sind in der Regel mit einem Anomalquotienten unter 0,5 unzulässig. Bei Verdacht auf eine Rotsinnstörung ist eine Anomaloskop-Untersuchung erforderlich, weil »rot« als Warnfarbe auch im innerbetrieblichen Bereich erhebliche Bedeutung hat. Zum Ausschluss einer schwerwiegenden Rotsinnstörung reicht die Verwendung eines Farbtafelsystems unter Tageslichtbedingungen aus. Sofern weitergehende Anforderungen an das Farbunterscheidungsvermögen gestellt werden, wird die Verwendung zweier unterschiedlicher Farbtafelsysteme empfohlen. Im Einzelfall muss eine tätigkeitsbezogene Beurteilung erfolgen.
Bei Hinweisen auf Gesichtsfeldausfälle ist eine Perimetrie erforderlich. Zur genaueren Beurteilung des Gesichtsfeldes müssen generell Halbkugel-Perimeter eingesetzt werden. Hintergrund dieser Regelung ist die Erkenntnis, dass alle Bereiche des Gesichtsfeldes, also sowohl das (para-)zentrale Gesichtsfeld als auch die Peripherie für Fahr-, Steuer- und Überwachungstätigkeiten von Bedeutung sind.
Die Untersuchung des Dämmerungssehens und der Blendungsempfindlichkeit ist in beiden Anforderungsstufen bei erhöhter Anforderung erforderlich, z.B. stark wechselnde Lichtverhältnisse, Scheinwerfer, Flutlicht, so dass auch hier eine arbeitsplatzbezogene Beurteilung relevant ist.
Das Tragen von Sehhilfen begründet keine gesundheitlichen Bedenken gegen die Ausübung der Tätigkeit, sofern hierdurch eine ausreichende Sehschärfe erreicht wird.
In die arbeitsmedizinische Bescheinigung ist jedoch ein entsprechender Vermerk einzutragen.
Eine Übersicht über bewährte Verfahren und Geräte zur Überprüfung des Sehvermögens enthält Tabelle 3 des G 25.
Geeignete apparative Ausstattung und eine entsprechende fachliche Qualifikation sind Voraussetzungen für die Ermächtigung von Ärzten zur Durchführung dieser arbeitsmedizinischen Vorsorgeuntersuchung.
Das Ermächtigungsverfahren erfolgt durch die Landesverbände der gewerblichen Berufsgenossenschaften.

Stand: 03.09.2004