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Ich habe einige Fragen zu den Gefährdungen durch Hauftkontakt gem. TRGS 401.

KomNet Dialog 24517

Stand: 11.08.2015

Kategorie: Betriebliches Arbeitsschutzsystem > Arbeitsschutzorganisation, Arbeitsschutzmanagement > Einweisung, Unterweisung

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Frage:

Ich habe einige Fragen zu den Gefährdungen durch Hauftkontakt gem. TRGS 401 Nr.6.4.4 Abs.3: 1) Was ist eine In-vivo-Methode (z.B. ROIT, Repetitiver okklusiver Irritationstest) 2) Was ist ein BUS-Modell (Bovine Udder Skin) ? 3) Was ist ein 3D-Hautkultur-Modell ? 4) Was ist, wenn man die in der TRGS 401 zitierte AWMF-Leitlinien-Register Nr. 013/056 fachlich nicht versteht ? 5) Wie ist zu verfahren, wenn man jahrelang Hautschutzmittel ohne diese Nachweise eingesetzt hat ?

Antwort:

Das Thema Hautkontakt stellt im Arbeitsschutz einen Arbeitsschwerpunkt im Umgang mit Chemikalien/ Gefahrstoffen dar. Im Folgenden bekommen Sie die Voraussetzungen, um in Zukunft mit den Fachausdrücken umgehen zu können.

Zu Ihren Teilfragen im Einzelnen:  
 1) Was ist eine In-vivo-Methode (z.B. ROIT, Repetitiver okklusiver Irritationstest)?Unter „Repetitivem okklusiven Irritationstest“ (Abk. ROIT) versteht man ein wiederholtes Auftragen von Teststoffen auf die Haut unter Verschluss (Okklusion). Dieser Test kann an Probanden oder im Tierversuch („In-vivo“: am lebenden Organismus) angewendet werden und ist ein etabliertes Standardverfahren zur Verträglichkeitsprüfung von kosmetischen Formulierungen oder von hautreizenden Effekten durch chemische Arbeitsstoffe, soweit solche Tests von Behörden aus ethischer Sicht akzeptiert werden.

2) Was ist ein BUS-Modell (Bovine Udder Skin)?„Bovine udder skin“ (Abk. BUS) ist ein Modell des sog. isolierten perfundierten Kuheuters, welches früher von bestimmten Instituten zur Untersuchung von Hauteffekten durch das Auftragen von Hautmitteln und chemischen Arbeitsstoffen eingesetzt wurde. Für diesen Zweck wurden Kuheuter unmittelbar nach der Schlachtung der Tiere gewonnen. Die Anwendung dieses Modells wäre bei CMR(cancerogen, mutagen, reproduktionstoxisch)-Stoffen denkbar. Aus toxikologischer Sicht werden wegen besserer Übereinstimmung der Ergebnisse mit der Situation beim Menschen Verfahren mit exzidierter Humanhaut, die z.B. im Rahmen von kosmetischen Operationen als Organabfall zurückbleibt, mittels von Diffusionszellmodellen bevorzugt.   

3) Was ist ein 3D-Hautkultur-Modell?Dreidimensionale (3D) Humanhautmodelle sind Modelle auf der Basis von Hautzellen, die in wissenschaftlichen Laboratorien in Kultur gezüchtet werden. Es sind lebensfähige Hautzellen, die jedoch insbesondere bei der schützenden Hornschichtbarriere der Haut Unterschiede im Reifungsgrad im Vergleich zur Haut beim Menschen zeigen. Deswegen sind die Erkenntnisse aus diesen Versuchen bei der Wirksamkeitsprüfung von Hautmitteln auf die Situation beim Menschen nur bedingt übertragbar. Dieses Modell bleibt vor allem Studien mit wissenschaftlichem Interesse vorbehalten.

4) Was ist, wenn man die in der TRGS 401 zitierte AWMF-Leitlinien-Register Nr. 013/056 fachlich nicht versteht?Arbeitgeber werden auf der Grundlage des Arbeitssicherheitsgesetzes (ASiG) arbeitsmedizinisch beraten. AWMF-Leitlinien veröffentlichen die Erkenntnisse der wissenschaftlichen medizinischen Fachgesellschaften und richten sich an ärztliche Fachgruppen. Im Rahmen der arbeitsmedizinisch-toxikologischen und berufsdermatologischen Weiter- und Fortbildung werden Kenntnisse vermittelt, auf deren Grundlage der Inhalt der o.g. AWMF-Leitlinie diesen Berufsgruppen verständlich ist und auf konkrete Arbeitsplatzszenarien übertragbar ist. Entsprechend können Vertreter dieser Berufsgruppen für weiterführende Beratungen konsultiert werden.   


5) Wie ist zu verfahren, wenn man jahrelang Hautschutzmittel ohne diese Nachweise eingesetzt hat?Im juristischen Sinne gelten Hautschutzmittel als Kosmetika und unterliegen damit der Kosmetik-Richtlinie der Europäischen Union. Ein Wirksamkeitsnachweis im Sinne des Arbeitsschutzes ist deshalb gesetzlich nicht verpflichtend. Sie müssen lediglich bei der Verwendung für die menschliche Gesundheit sicher sein. Aus diesem Grund existieren auch keine vorgeschriebenen Parameter für den Nachweis der Wirksamkeit von Hautschutzmitteln. Berufliche Hautmittel werden oftmals aber auch als Bestandteil der Persönlichen Schutzausrüstung (PSA) akzeptiert. Für die Verwendung von Hautmitteln durch Beschäftigte an Arbeitsplätzen kann empfohlen werden, sich am jeweils aktuellen wissenschaftlichen Stand zu orientieren. Diesen Stand gibt die AWMF-Leitlinie (Register Nr. 013/056) vom 23.10.2014 wieder, die bis 10.2017 gültig ist und anschließend dem dann aktuellen wissenschaftlichen Stand angepasst werden soll. Darin wird ausgeführt, dass die unter Frage 2 und 3 genannten Methoden nach derzeitiger Bewertung nur orientierenden Charakter haben. Die Übertragbarkeit dieser Methoden auf die Situationen an Arbeitsplätzen ist bislang nicht gesichert und ihre Aussagefähigkeit zur Beurteilung der Wirksamkeit von Hautschutzmitteln ist sehr begrenzt. Die alleinigen Ergebnisse dieser Methoden sind daher nicht dazu geeignet, Schlussfolgerungen auf eine mögliche Schutzwirkung bei wiederholten Expositionen von chemischen Arbeitsstoffen zu ziehen. Aufgrund der obigen Ausführungen gibt es kein Vorgehensverfahren bei in der Vergangenheit evtl. nicht zielgerichtet eingesetzten Hautmitteln. Nach derzeitigem wissenschaftlichem Erkenntnisstand sind ROIT bzw. andere Irritations-Tests und klinische Studien Methoden der Wahl zur Beurteilung der Effektivität von Hautmitteln. Für die Auswahl von geeigneten Hautschutzmitteln sind insbesondere Betriebsärzte prädestiniert. Sie kennen die konkreten Arbeitsplätze sowie die Hautbelastungen und evtl. systemische Expositionen. Betriebsärzte berücksichtigen nicht nur diese Expositionen, sondern auch evtl. individuelle Gegebenheiten (z.B. Allergien) der Beschäftigten im Kontext der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse für die Auswahl optimaler Hautschutzmaßnahmen. Die Entscheidungen der Betriebsärzte basieren im Wesentlichen auf den AWMF-Leitlinien „Berufliche Hautmittel“ und „Toxische Gefährdung durch Hautresorption“. Literatur:AWMF-Leitlinie „Berufliche Hautmittel“:http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/013-056.htmlAWMF-Leitlinie „Toxische Gefährdung durch Hautresorption“:http://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/002-037.html