Inhaltsbereich
Seitentitel

KomNet-Wissensdatenbank

Darf man eine Windkraftanlage alleine besteigen, Rotorarretierung vornehmen und in die Nabe klettern?

KomNet Dialog 18996

Stand: 18.07.2013

Kategorie: Gesunde Arbeit / Arbeitsschutz > Sichere Anlagen / Sicherer Betrieb > Sonstige Anlagen

Dialog
Favorit

Frage:

Darf man eine Windkraftanlage alleine besteigen, Rotorarretierung vornehmen und in die Nabe klettern? Muss sich dazu unbedingt eine zweite Person in derselben WEA befinden? In BGI 657 steht, dass für die Nabenbegehung eine zweite Person zur Sicherung vor Ort sein soll. Wie ist dieses "vor Ort" genau zu verstehen? In welcher Vorschrift steht konkret, dass man eine Windenergieanlage nicht alleine begehen darf? Mein Arbeitgeber erwartet von mir, dass ich alleine eine WEA begehe und in die Rotornabe steige. Dabei wird eine Funkverbindung zu einer anderen Person an einer anderen WEA im selben Windpark (die ebenfalls alleine ist) für Notfälle ständig aufrechterhalten. Darf man das?

Antwort:

Gemäß § 5 Arbeitsschutzgesetz - ArbSchG - in Verbindung mit § 3 der Betriebssicherheitsverordnung - BetrSichV - ist der Arbeitgeber verpflichtet, eine Gefährdungsbeurteilung, hier für die Wartungs- und Instandhaltungsarbeiten in der Nabe des Rotors zu erstellen. Hierbei hat er mögliche Gefährdungen zu ermitteln, Maßnahmen zur Gefahrenabwehr bzw. Gefahrenminderung "eigenverantwortlich" festzulegen und diese umzusetzen. Insbesondere der Aspekt "Gefährliche Arbeiten" ist bei diesen Tätigkeiten gesondert zu betrachten und zu bewerten.

In die Erstellung der Gefährdungsbeurteilung sind neben den Technischen Regeln für Betriebssicherheit - TRBS auch die berufsgenossenschaftlichen Vorschriften und Regelwerke, wie z. B. die BGI 657"Windenergieanlagen", die BGR A1"Grundsätze der Prävention" (Kapitel 2.7) und die BGR 139"Einsatz von Personen-Notruf-Anlagen" einzubeziehen.

Als Mitglied einer Berufsgenossenschaft ist der Arbeitgeber zudem verpflichtet, die Unfallverhütungsvorschriften einzuhalten. Diese schließen andere, mindestens ebenso sichere Lösungen nicht aus. Weicht der Arbeitgeber dabei vom v. g. Regelwerk ab, ist dieses prinzipiell möglich. Der Arbeitgeber muss dieses Abweichen aber in der Gefährdungsbeurteilung hinreichend begründen. Dieses ist stets eine Entscheidung im Einzelfall. Hierbei ist insbesondere zu berücksichtigen, dass im Schadensfall ein Abweichen sehr kritisch hinterfragt werden kann.

Das Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung ist gemäß § 6 ArbSchG "gerichtsfest" zu dokumentieren. Bei der Erstellung der Gefährdungsbeurteilung wird der Arbeitgeber durch die Fachkraft für Arbeitssicherheit und den Betriebsarzt unterstützt.

Fazit:
Nach unserer Auffassung bedeutet die Aussage "zweite Person zur Sicherung vor Ort" im Regelfall immer die Anwesenheit dieser zweiten Person in unmittelbarer Nähe des Arbeitsplatzes, an dem die Arbeiten ausgeführt werden (somit im Bereich der Nabe des Rotorgehäuses und nicht irgendwo über Funk erreichbar auf dem Gelände), damit diese Person im Gefahrfall, unabhängig von der die Arbeiten durchführenden Person, die entsprechenden Maßnahmen (Rettungsmaßnahmen) einleiten bzw. durchführen kann.

Aus Ihrer Schilderung heraus ist uns eine Beurteilung der realen Situation nicht möglich. Wir empfehlen daher, die Situation mit der für Sie zuständigen Arbeitsschutzbehörde und Ihrer zuständigen Berufsgenossenschaft vor Ort zu erläutern und dort die zu treffenden Maßnahmen festzulegen.