Inhaltsbereich
Seitentitel

KomNet-Wissensdatenbank

Ist beim Freischalten eines Anlagenteils der Schalter mittels eines Schlosses gegen Wiedereinschalten zu sichern?

KomNet Dialog 18293

Stand: 11.04.2013

Kategorie: Sichere Anlagen / Sicherer Betrieb > Benutzung von Arbeitsmitteln und Einrichtungen > Reparaturen, Wartungsarbeiten

Dialog
Favorit

Frage:

Während der Inbetriebnahme einer großtechnischen Anlage werden elektrische Antriebe vom Kunden/Eigentümer der Anlage "nur" stromlos gemacht, indem nach einem ausführlichen Freigabeverfahren in der Schaltanlage der Hauptschalter ausgeschaltet wird und dieser mit einem Zettel als freigeschaltet gekennzeichnet wird. Der Mitarbeiter von uns bekommt "nur" einen Freischaltzettel, in dem vermerkt ist, dass das betreffende Anlagenteil nun freigeschaltet ist und er jetzt daran arbeiten darf. Nach Ende der Arbeiten gibt er diesen Zettel zurück und der Kunde schickt einen Freischaltelektriker in die Schaltanlage, der das betreffende Anlagenteil wieder einschaltet. Dafür entfernt er den Zettel vor Ort und schaltet den Hauptschalter wieder ein. Für den Kunden stellt das ein sicheres Verfahren da. Da es eine Neuanlage ist, sind die Hauptschalter gemäß den Forderungen der Maschinenrichtlinie so ausgeführt, dass diese per Vorhängeschloss abschließbar sind. Wir sind der Meinung, dass beim Wiedereinschalten der Anlage durch eine leichte Verwechslung (Nummer, Ort) die falsche Maschine/Anlage wieder eingeschaltet werden kann. Dies kann zu einer unkalkulierbaren Gefährdung von unseren Mitarbeitern führen, die ggf. an dieser anderen Maschine/Anlage gerade arbeiten. Unsere Argumentation ist, dass durch die Vorschrift in der Betriebssicherheitsordnung und in der Maschinenrichtlinie, die z.B. unter 1.6.3 "Die Trenneinrichtungen muss auch abschließbar sein, falls eine Wiedereinschaltung eine Gefahr für Personen verursachen kann." sich klar die Forderung ergibt, dass ein irrtümliches Wiedereinschalten durch Schlösser verhindert werden muss. Auch in der BGI577 steht unter 1.1. Sicherheit bei Instandhaltung 'An Maschinen und Anlagen darf mit den Instandhaltungsarbeiten im Bereich Gefahr bringender Bewegungen erst begonnen werden, nachdem ... ein unbefugtes, irrtümliches und unerwartetes Ingangsetzen ausgeschlossen ist (durch Abschließen der Hauptbefehlseinrichtung (Bild 1-2 auf Seite 10)" Frage 1: Ist unsere Argumentation richtig, dass Sicherheitsanforderungen bei Inbetriebnahme und Instandhaltung vergleichbar sind und deshalb Regeln aus dem Instandhaltungsbereich auch bei der Inbetriebnahme anzuwenden sind. D.h. ist die BGI 577 auch für die Inbetriebnahme analog gültig? Frage 2: Ist unsere Argumentation richtig, dass das Setzen von Schlössern Stand der Technik ist und als technische Maßnahme unbedingt statt einer ausschließlichen organisatorischen Maßnahme umzusetzen ist. D.h. impliziert die Maschinenrichtlinie und die Betriebssicherheitsverordnung die Anforderung an den Betreiber, Energiequellen mit eindeutigen Schlössern gegen Wiedereinschalten zu sichern?

Antwort:

Nein. Wir teilen Ihre Auffassung nicht.

Eine Maßnahme, bei vorhandenen Abschließmöglichkeiten auch die "Freigeschaltete Anlage" mit einem Sicherheitsschloss zu versehen, ist nicht zwingend vorgeschrieben. Es muss sichergestellt sein, dass die Anlage gegen "Wiedereinschalten" gesichert ist. Hierzu sind verschiedene Möglichkeiten umsetzbar.

Gemäß § 5 Arbeitsschutzgesetz - ArbSchG - in Verbindung mit § 3 der Betriebssicherheitsverordnung - BetrSichV - ist der Arbeitgeber verpflichtet, eine Gefährdungsbeurteilung, hier für die auszuführende Inbetriebnahme einer großtechnischen Anlage, zu erstellen. Hierbei hat er mögliche Gefährdungen zu ermitteln, Maßnahmen zur Gefahrenabwehr bzw. Gefahrenminderung festzulegen und diese umzusetzen. Angaben des Herstellers der Anlage sind hierbei einzubeziehen. Hierbei sind auch die verschiedenen Möglichkeiten des sicheren Freischaltens der Anlage und der Sicherheit gegen ungewolltes "Wiedereinschalten" der Anlage unter Berücksichtigung der örtlichen Gegebenheiten zu betrachten. Das Ergebnis der Gefährdungsbeurteilung ist gemäß § 6 ArbSchG zu dokumentieren. Bei der Erstellung der Gefährdungsbeurteilung wird der Arbeitgeber durch die Fachkraft für Arbeitssicherheit und den Betriebsarzt unterstützt.

Im vorliegenden Fall ist insbesondere § 8 ArbSchG "Zusammenarbeit mehrerer Arbeitgeber" zu beachten:
(1) Werden Beschäftigte mehrerer Arbeitgeber an einem Arbeitsplatz tätig, sind die Arbeitgeber verpflichtet, bei der Durchführung der Sicherheits- und Gesundheitsschutzbestimmungen zusammenzuarbeiten. Soweit dies für die Sicherheit und den Gesundheitsschutz der Beschäftigten bei der Arbeit erforderlich ist, haben die Arbeitgeber je nach Art der Tätigkeiten insbesondere sich gegenseitig und ihre Beschäftigten über die mit den Arbeiten verbundenen Gefahren für Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten zu unterrichten und Maßnahmen zur Verhütung dieser Gefahren abzustimmen.
(2) Der Arbeitgeber muss sich je nach Art der Tätigkeit vergewissern, daß die Beschäftigten anderer Arbeitgeber, die in seinem Betrieb tätig werden, hinsichtlich der Gefahren für ihre Sicherheit und Gesundheit während ihrer Tätigkeit in seinem Betrieb angemessene Anweisungen erhalten haben.


Nach unserer Auffassung macht es Sinn, dass schon bei der Erstellung der o. g. Gefährdungsbeurteilung die Arbeitgeber zusammenarbeiten.

Die BGI 577"Instandhalter" ist eine Berufsgenossenschaftliche Information (BGI) und, wie der Titel schon sagt, bei Instandhaltungsarbeiten und auch nur dort anzuwenden. Ihre Frage nach der Anwendemöglichkeit neben den Instandhaltungsarbeiten diese auch für die Inbetriebnahme von elektrischen Anlagen heranzuziehen, muss unsereits verneint werden. Für die Inbetriebnahme von elektrischen Anlagen sind neben den Herstellerangaben die BGV A3"Elektrische Anlagen und Betriebsmittel" mit den zugehörigen Durchführungsanweisungen der BGV A3-Da   heranzuziehen. Bei Bedarf halten Sie hierzu Rücksprache mit Ihrer Berufsgenossenschaft.

Wie bereits oben ausgeführt wurde, findet neben dem ArbSchG die BetrSichV Anwendung.
Bei der Erstellung der Gefährdungsbeurteilung sind daher die Technischen Regeln für Betriebssicherheit - TRBS, hier z. B. die TRBS 1111 "Gefährdungsbeurteilung und sicherheitstechnische Bewertung" und insbesondere die TRBS 1112 "Instandhaltung" heranzuziehen.

Bezüglich der angesprochenen Lösungen sind folgende Möglichkeiten denkbar:
    a)    der freigeschaltete Zustand kann, wie es Ihre Forderung ist, mit einem Schloss gesichert werden
    b)    die Einrichtung zum Freischalten der Anlage/des Anlagenteils befindet sich in einem separaten Raum, dieser            Raum wird abgeschlossen
    c)    es wird ein Dummy eingesetzt, der Außenstehenden simuliert, dass die Anlage/Teile der Anlage weiterhin                       stromführend sind
    d)    es wird mit Freigabeschein/Erlaubnisschein gearbeitet
Dies sind z. B. Möglichkeiten, die Anlage/Teile der Anlage gegen Wiedereinschalten zu sichern. In allen Fällen müssen nach unserer Auffassung prinzipiell die örtlichen Gegebenheiten mit berücksichtigt werden.

Wenn Sie die Gefährdungsbeurteilung erstellt haben und hierbei zu dem Ergebnis kommen, dass der Vorschlag a) die einzig sichere Variante des Freischaltens ist, dann ist dies in der Gefährdungsbeurteilung zu dokumentieren. Die dabei festgelegten Maßnahmen sind im Rahmen der geforderten Zusammenarbeit gemäß § 8 ArbSchG bzw. Kapitel 3.1 der TRBS 1112 zu vermitteln und abzustimmen. Abstimmen heißt, einen gemeinsamen Konsens finden. Dies muss auch "gerichtsfest" dokumentiert werden. Sofern es hierbei keinen Konsens zwischen den beteiligten Arbeitgebern gibt, weil bezüglich der geforderten Schutzmaßnahme andere Auffassungen vertreten werden, ist konsequentes Handeln erforderlich. Dies könnte eine vertragliche Festschreibung der entsprechenden Forderungen bis hin zur Nichtberücksichtigung bei der Auftragsvergabe sein, was in Zeiten hohen Termindrucks bei laufenden Instandhaltungsarbeiten den eigenen Vorgesetzten nicht immer vermittelbar sein dürfte, jedoch bei zukünftigen Instandhaltungsarbeiten durchaus gängige Praxis ist.

Auf die Möglichkeit, die zuständige Arbeitsschutzbehörde und Ihre Berufsgenossenschaft zur Klärung der Angelegenheit vor Ort hinzuzuziehen, weisen wir hin.