Inhaltsbereich
Seitentitel

KomNet-Wissensdatenbank

Ist eine Person mit Höhenangst für Arbeiten als Industriekletterer geeignet?

KomNet Dialog 17740

Stand: 09.01.2015

Kategorie: Betriebliches Arbeitsschutzsystem > Gefährdungsbeurteilung > Spezifische Gefährdungsbeurteilungen

Dialog
Favorit

Frage:

Ich sollte einen neuen Mitarbeiter im Umgang mit PSA gegen Abstutz (PSAgA) unterweisen. Bei der Unterweisung stellte ich fest, dass wir zum einen keine passenden Auffanggurte für ihn haben (Körpergröße und Statur), desweiteren hat er nach eigenen Angaben "Höhenangst". Für mich ist klar, dass er aus diesen Gründen auch nicht für Arbeiten mit Absturzgefahr geeignet ist. Mein Vorgesetzter besteht nun darauf, dass ich ihn trotzdem unterweisen soll. Den Hinweis von mir, dass er erstmal seine Gefährdungsbeurteilung überprüfen bzw. machen sollte, fand er nicht lustig...

Antwort:

Zunächst einmal ist das Arbeitsschutzgesetz (ArbSchG) bindend.

Die Pflicht zur Gefährdungsbeurteilung ergibt aus § 5 ArbSchG Beurteilung der Arbeitsbedingungen

(1) Der Arbeitgeber hat durch eine Beurteilung der für die Beschäftigten mit ihrer Arbeit verbundenen Gefährdung zu ermitteln, welche Maßnahmen des Arbeitsschutzes erforderlich sind.
(2) Der Arbeitgeber hat die Beurteilung je nach Art der Tätigkeiten vorzunehmen. Bei gleichartigen Arbeitsbedingungen ist die Beurteilung eines Arbeitsplatzes oder einer Tätigkeit ausreichend.
(3) Eine Gefährdung kann sich insbesondere ergeben durch

1. die Gestaltung und die Einrichtung der Arbeitsstätte und des Arbeitsplatzes,
2. physikalische, chemische und biologische Einwirkungen,
3. die Gestaltung, die Auswahl und den Einsatz von Arbeitsmitteln, insbesondere von Arbeitsstoffen, Maschinen, Geräten und Anlagen sowie den Umgang damit,
4. die Gestaltung von Arbeits- und Fertigungsverfahren, Arbeitsabläufen und Arbeitszeit und deren Zusammenwirken,
5. unzureichende Qualifikation und Unterweisung der Beschäftigten.
6. psychische Belastungen bei der Arbeit.

In § 6 ArbSchG ist nachzulesen, dass die Dokumentation der Gefährdungsbeurteilung schriftlich zu dokumentieren ist.

In § 7 ArbSchG Übertragung von Aufgaben steht:

Bei der Übertragung von Aufgaben auf Beschäftigte hat der Arbeitgeber je nach Art der Tätigkeiten zu berücksichtigen, ob die Beschäftigten befähigt sind, die für die Sicherheit und den Gesundheitsschutz bei der Aufgabenerfüllung zu beachtenden Bestimmungen und Maßnahmen einzuhalten.

Konkreter lässt sich dies in der DGUV Vorschrift 1 (bisher: BGV A1) "Grundsätze der Prävention" in § 7 Befähigung für Tätigkeiten nachlesen.

(1) Bei der Übertragung von Aufgaben auf Versicherte hat der Unternehmer je nach Art der Tätigkeiten zu berücksichtigen, ob die Versicherten befähigt sind, die für die Sicherheit und den Gesundheitsschutz bei der Aufgabenerfüllung zu beachtenden Bestimmungen und Maßnahmen einzuhalten.
(2) Der Unternehmer darf Versicherte, die erkennbar nicht in der Lage sind, eine Arbeit ohne Gefahr für sich oder andere auszuführen, mit dieser Arbeit nicht beschäftigen.

Nach Betrachtung der DGUV Vorschrift 1 und des ArbSchG darf eine Person, die Arbeiten mit Absturzgefahr durchführt, aber Höhenangst hat, nach unserer Einschätzung nicht an einem solchen Arbeitsplatz eingesetzt werden.

In der DGUV Regel 112-198 (bisher: BGR/GUV-R 198) "Benutzung von persönlichen Schutzausrüstungen gegen Absturz" wird unter 4 Gefährdungsermittlung auf die Notwendigkeit zur Gefährdungsbeurteilung eingegangen.

In 5.2 Bewertung der DGUV Regel 112-198 wird u. a. vor der Auswahl persönlicher Schutzausrüstungen gegen Absturz gefordert, dass der Unternehmer eine Bewertung der von ihm vorgesehenen persönlichen Schutzausrüstung gegen Absturz vorzunehmen hat, um festzustellen, ob sie

• den ergonomischen Anforderungen und gesundheitlichen Erfordernissen der Versicherten genügen,
• dem Versicherten angepasst werden können, wenn die Art der persönlichen Schutzausrüstungen gegen Absturz dieses erfordert.


Da in Kap. 7 Betriebsanweisung, Unterweisung der DGUV Regel 112-198 u. a. gefordert wird, dass die Unterweisung die bestimmungsgemäße Benutzung beinhalten muss, kann eine Unterweisung mit einem nicht passenden Auffanggurt nicht durchgeführt werden.