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KomNet-Wissensdatenbank

Gesundheitsgefährdung oder nur Geruchsbelästigung durch „Ausgasung“ nach Kellerbrand?

KomNet Dialog 1662

Stand: 08.08.2010

Kategorie: Chemische Belastungen und Beanspruchungen > Gefährdungen > Gefährdungen durch Rauche und Motoremissionen

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Frage:

Gesundheitsgefährdung oder nur Geruchsbelästigung durch „Ausgasung“ nach Kellerbrand? Gibt es Erfahrungen über die Situation am Arbeitsplatz im Hinblick auf Gesundheitsgefährdungen in Gebäuden, in denen wenige Tage zuvor z.B. ein Kellerbrand stattgefunden hat, bei dem Holz, Kunststoffe etc. verbrannt sind und bei dem über Lüftungsschächte z.T. die Lüftungsschlitze in Zimmern anderer Etagen in `Mitleidenschaft` gezogen wurden. Reicht es bis zum Abschluß von Sanierungsmaßnahmen, den unmittelbar angrenzenden Bereich zu sperren und z.B. eine Flurzwischentür geschlossen zu halten? Ist der z.T. intensive Geruch, der nur durch intensives Lüften einigermaßen in Griff zu bekommen ist - auch in entfernten Gebäudeteilen - nur als Belästigung zu werten oder muß man von ernsthafter Gesundheitsgefährdung ausgehen? Gibt es Parameter oder Meßmethoden oder sonstige Möglichkeiten „Belästigung“ von „Gesundheitgefährdung“ abzugrenzen, um damit Gebäudeteile festzulegen, in denen weitergearbeitet werden kann und gegenüber solchen Gebäudeteilen abzugrenzen, in denen besser nicht gearbeitet werden sollte ?

Antwort:

Abhängig von Ausdehnung, Temperatur und Dauer eines Brandes, von Art und Menge der Materialien, die am Brand beteiligt sind, sowie von der Zufuhr an Luftsauerstoff kann eine große Vielfalt von nieder- und hochmolekularen Gefahrstoffen gebildet und freigesetzt werden. Zur Prävention und Sanierung von Bränden und ihren Folgen wurden insbesondere von der Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes e.V. (vfdb) bzw. dem Verlag Schadensverhütung (VdS) im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV) ein umfangreiches Regel- und Informationswerk herausgegeben, dem die folgenden Informationen größtenteils entnommen sind. 

Aus Holz, Kunststoffen und anderen Materialien entstehen bei niedrigen bis mittleren Temperaturen hauptsächlich niedermolekulare Verbindungen wie Kohlenmonoxid und Kohlendioxid, Cyanwasserstoff und Ammoniak, Wasser und Schwefeldioxid, Chlor- und Bromwasserstoff sowie Methan, Ethanol, Ameisensäure, Essigsäure, Formaldehyd, Acrolein und weitere Aldehyde bzw. Ketone. Insbesondere Kohlenmonoxid und Kohlendioxid, Cyanwasserstoff und Schwefeldioxid sind für die akut-toxischen Wirkungen mit oftmals tödlichem Ausgang, Halogenwasserstoff- und organische Säuren für die stark korrosiven Eigenschaften der Brandgase verantwortlich. Nach Beendigung bzw.- Löschen des Brandes und Belüften fällt die Konzentration die Stoffe schnell in den nichttoxischen Bereich, so dass akute Gesundheitsgefährdungen nicht mehr bestehen. 

Bei mittleren Temperaturen entstehen außerdem niedere chlorierte und nichtchlorierte aliphatische, bei höheren Temperaturen auch höhere aliphatische sowie aromatische und z.T. auch halogenierte Kohlenwasserstoffe wie z.B. Benzol und Chlorbenzol, Biphenyl und chlorierte Biphenyle. Bei Temperaturen oberhalb 800° C entstehen zunehmend neben Ruß auch polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe (PAK) und in Anwesenheit von Chlorverbindungen polychlorierte und polybromierte Dibenzo-p-dioxine und –furane (PCDD/PCDF, PBDD/PBDF). Diese Verbindungen sind u.a. für chronisch-toxische Wirkungen von Bränden verantwortlich und müssen mit den Brandrückständen den gesetzlichen Vorgaben entsprechend fach- und sachgerecht entsorgt werden, um eine Freisetzung bzw. Verteilung in die Umwelt zu vermeiden. Da diese Stoffe überwiegend an Rußpartikel gebunden vorkommen, können sie durch Abtragung des Rußes von Oberflächen, vollständige Entsorgung berußter Materialien und gründliche Reinigung bzw. Entstaubung der Räume praktisch vollständig entfernt werden, um chronische Gesundheitsgefährdungen zu vermeiden. 

In der „Richtlinie zur Brandschadensanierung“ (VdS 2357) wird häufig der Gehalt an PAK bzw. PCDD/PCDF und PBDD/PBDF in den Brandrückständen als Kenngröße für die Einstufung der Brandstelle in die Gefahrenbereiche GB 0 bis GB 3 verwendet. Diese Einstufung ist jedoch in erster Linie für die Festlegung von Schutzmaßnahmen für die an der Entsorgung und Sanierung beteiligten Beschäftigten vorgesehen. Solange keine sichtbaren Rußlagerungen in den angrenzende Bereichen, die nicht vom unmittelbar vom Brand betroffen sind, vorkommen, ist keine Belastung durch PAK bzw. PCDD/PCDF zu befürchten. Die Trennung des betroffenen Bereiches, z.B. des Kellers, vom nichtbetroffenen Bereich u.a. durch Zwischentüren bis zum Abschluss der Sanierung genügt in diesem Fall als Schutzmaßnahme. Vor Weiterbetrieb von Lüftungsanlagen sollte jedoch geprüft werden, ob Kontaminationen bzw. Rußablagerungen von der Brandstelle in die Lüftungsanlage gelangt sind. In diesem Fall wäre die Lüftungsanlage ebenso wie die eigentliche Brandstelle zu sanieren. 

Viele weitere chemische Verbindungen können entstehen, die z.T. auch in geringen Konzentrationen zu intensiver Geruchsbelästigung führen können, ohne dass damit Gesundheitsgefährdungen verbunden sind. Messtechnisch sind die meisten bei Bränden entstehenden Verbindungen in der Raumluft erfassbar und werden auch als Dienstleistung von privaten Messinstituten angeboten (Beispiele für Institute unter „Weiterführende Information“). Allerdings ist die eindeutige toxikologische und arbeitsmedizinische Bewertung von Konzentrationen dieser Stoffe immer noch umstritten, wenn die gesetzlichen Grenzwerte nach § 9 Abs. 3 der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) nicht erreicht werden oder nicht vorliegen. 

Nach § 5 des Arbeitsschutzgesetzes (ArbSchG) und § 7 GefStoffV hat jedoch der Arbeitgeber u.a. auch chemische Einwirkungen zu beurteilen und der Arbeitnehmer hat nach Ziff. 3.6 im Anhang der Arbeitstättenverordnung (ArbStättV) Anspruch auf gesundheitlich zuträgliche Atemluft am Arbeitsplatz, so dass auch bei lediglich vorliegender Geruchsbelästigung Abhilfe verlangt werden kann. Ein erster Ansatz zur Verbesserung der Situation kann daher auch die Einsichtnahme in das ggf. vorliegende Brandgutachten sowie die Einholung detaillierter Informationen bei den angegebenen Institutionen sein. 



Weiterführende Information:

§ 5 Arbeitsschutzgesetz - ArbSchG 

Ziff. 3.6 des Anhangs zur Arbeitsstättenverordnung - ArbStättV 

Arbeitsstättenrichtlinie (ASR) 5 - Lüftung 

§ 9 Abs. 3 Gefahrstoffverordnung - GefStoffV 

vfdb Vereinigung zur Förderung des Deutschen Brandschutzes e.V., Internet: http://www.vfdb.de 
Verzeichnis von Richtlinien: http://vds.de/de/bildungszentrum-verlag/vds-verlag/richtlinien/vfdb-richtlinien/ mit Link 
zum Verlag: http://vds.de/de/quick-links/vds-richtlinien/  

VdS 2217 bzw. vfdb 10/06

VdS-Richtlinien für den Umweltschutz: Umgang mit kalten Brandstellen –

Muster für ein Informationsblatt der Feuerwehren an brandgeschädigte Haushalte – Online-Version zum Download, VdS Schadenverhütung im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV), Köln, 1998; Internet-Adresse mit Datei zum Download: http://www.gdv-online.de/brandsa/vds2217-01.pdf
VdS 2357 VdS-Richtlinien für den Umweltschutz: Richtlinien zur Brandschadensanierung, VdS Schadenverhütung im Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV), Köln, 2000; Internet- Adresse mit Datei zum Download: Internet-Adresse mit Datei zum Download: http://vds.de/fileadmin/vds_publikationen/vds_2357_web.pdf .

Beispiel für Messinstitut Institut Prof. Dr. Jäger, Ernst-Simon-Straße 2-4, 72072 Tübingen ; Internet: http://www.institutdrjaeger.de .