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KomNet-Wissensdatenbank

Gibt es für Sicherheitsgurte in Kanzeln von Containerbrückenkrane besondere Anforderungen?

KomNet Dialog 16326

Stand: 31.05.2012

Kategorie: Sichere Anlagen / Sicherer Betrieb > Benutzung von Arbeitsmitteln und Einrichtungen > Sichere Benutzung der Arbeitsmittel

Dialog
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Frage:

Wir sind Betreiber von Krananlagen (Containerbrücken). Die Kanzeln dieser Brücken verfahren mit der Hublast unter einem Ausleger. In der Kanzel ist ein Bediensitz für den Fahrer montiert, der mit einem Dreipunktsicherheitsgurt ausgestattet ist. 1.Gibt es für diese Sicherheitsgurte gesonderte Richtlinien oder gelten die Normen und einschlägigen Richtlinien aus dem Fahrzeugbau? 2. Gibt es physikalische Meßwerte ( Notstop) ab deren erreichen ein solcher Gurt ausgewechselt werden muss? Umschlagkrane wie Containerbrücken werden des öfteren durch diverse Notausschalter in eine Notstopsituation gebracht. Dabei treten negative Beschleunigungen von max. 7m/s auf. Die Frage die ursächlich hinter dieser Thematik steckt ist: Muss man nach jedem Notstop eines solchen Kranes bei den bekannten Beschleunigungswerten den Sicherheitsgurt wechseln?

Antwort:

Von hier aus sind keine Gründe erkennbar, die zu einem automatischen Austausch der Sicherheitsgurte führen müssen. Es sind ggf. weitere Detailbetrachtungen erforderlich, zu denen gern weitere Fragen gestellt werden dürfen.
Anforderungen an Sitze werden im § 35a StVZO genannt. Im Absatz 5 wird festgelegt, daß die Forderungen der Absätze 2 bis 4 nur für Fahrzeuge gilt, die schneller als 25 km/h sind.
Die StVZO ist für Krananlagen nicht einschlägig, kann jedoch als Erkenntnisquelle herangezogen werden.

Im Internet sind beim Deutschen Institut für Normung eine Reihe von Normen zu finden, die sich im weitesten Sinne mit Sicherheitsgurten befassen. Direkt anwendbar ist keine Norm. Teilweise sind diese Normen nur zu finden, wenn man den Suchbegriff "Rückhaltesysteme" verwendet.

Der Anwendungsbereich einer jeweiligen Norm ist zu beachten. Normen für Rückhaltesysteme in Flurförderzeugen haben i.d.R. das Schutzziel, die Bedienungsperson im Falle des Kippens des Gerätes am Verlassen der Kabine zu hindern.

Es ist deshalb sinnvoll, "normale PKW-Sicherheitsgurte" zu verwenden, deren genaue Kennwerte durchaus mit einem Hersteller abgesprochen werden sollten.
Die Belastung eines PKW-Sicherheitsgurtes ist im Zweifel viel höher, als es in einer Krananlage sein kann.

PKW-Sicherheitsgurte werden auf den jeweiligen Fahrzeugtyp abgestimmt. Es spielt insbesondere eine Rolle, ob der jeweilige Fahrzeugtyp eine "komfortable" Knautschzone besitzt, in der viel Energie abgebaut werden kann, oder ob die Insassen in einer "Blechdose" auf Rädern sitzen, die praktisch keine Knautschzone hat. Je nach Knautschzone werden werden die Werte der Verzögerung zwischen etwa 2,5-fachen der Erdbeschleunigung bis zu achtfacher Erdbeschleunigung begrenzt. Dazu werden u.a. Kraftbegrenzungsysteme eingebaut, die die Insassen langsam an der Airbag "übergeben". Es ist dann Aufgabe des Airbags die Restenergie abzubauen.

Sicherheitsgurte haben die Eigenschaft, sich bei einem Unfall zu dehnen. Der Wert der Dehnung kann zwischen ca. 5% und 13% betragen. Diese Dehnung ist sicherheitsrelevant, weil dadurch ebenfalls Energie abgebaut wird. Bei einer Verzögerung, die geringer als das dreifache der Erdbeschleunigung ist, wird hier kein sicherheitsrelevanter Anteil einer Gurtdehnung gesehen.
Gurte müssen ausgetauscht werden, wenn sie Fransen aufweisen oder "wellig" werden.

Der von Ihnen angegebene Wert vom 7 m/s stellt eine Geschwindigkeit und keine Verzögerung dar. Es wird deshalb vorgeschlagen, anhand der Herstellerangaben zu prüfen, welche Werte die Verzögerung erreichen kann.
Darüber hinaus wird vorgeschlagen, die Bremskräfte der Nothalteeinrichtung so einzustellen, daß die Bremswege der Betriebsbremse nicht unterschritten werden. Dazu ist es sinnvoll, das gesamte Sicherheitskonzept auf ggf. erforderliche Folgeeinflüsse zu sichten.
Sollte die Nothalteeinrichtung auf eine besondere Bremse arbeiten, ist ggf. zu prüfen, ob die Bremsflächen dieser Bremse anrosten können und dadurch viel zu hohe Reibbeiwerte und Verzögerungen resultieren.

Es gibt eine Norm: ECE R16, die sich mit Automobilgurten befaßt. In der verlinkten PDF-Datei finden Sie einen Überblick auf diese Norm. In den dort geforderten dynamischen Versuchen müssen die Gurte den 32-fachen Wert der Erdbeschleunigung aushalten.