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KomNet-Wissensdatenbank

Rechtfertigt eine Borreliosegefahr ein Beschäftigungsverbot für Tätigkeiten im Freien?

KomNet Dialog 13457

Stand: 15.06.2012

Kategorie: Besondere Zielgruppen > Werdende und stillende Mütter > Beschäftigungsverbote und -beschränkungen

Dialog
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Frage:

Ich bin in der 19. Woche schwanger und als Sachbearbeiterin für Umweltschutz im Bereich Naturschutz angestellt. Meine normale Tätigkeit teilt sich in Büroarbeit und in regelmäßige Geländebegehungen auf, bei denen allerdings keine größere körperliche Beanspruchung besteht. Mein Arbeitgeber hat mir aufgrund der Gefahr von durch Zecken übertragener Borreliose den Aufenthalt im Gelände sowie Geländegänge während der Arbeitszeit untersagt. Ist dies zulässig? Oder ist es nicht auch möglich, dass ich weiterhin mit Schutzmaßnahmen (z.B. lange Kleidung, Zeckenschutzmittel, Meiden von hohem Gras, Gestrüpp und Unterholz) Geländebegehnungen durchführen kann?

Antwort:

Ziel des gesetzlichen Mutterschutzes ist u.a., die Beschäftigungsfähigkeit von werdenden Müttern durch präventive, tätigkeitsbezogene Schutzmaßnahmen zu erhalten.
Erst wenn die Umgestaltung der Arbeitsbedingungen unter Berücksichtigung des Standes von Technik, Arbeitsmedizin und Hygiene sowie sonstiger gesicherter arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse nicht möglich oder wegen des nachweislich unverhältnismäßigen Aufwandes nicht zumutbar ist, trifft der Arbeitgeber die erforderlichen Maßnahmen für einen Arbeitsplatzwechsel der betroffenen Arbeitnehmerinnen.

Borrelien werden nach der Biostoffverordnung - BioStoffV in die Risikogruppe 2 eingestuft (siehe auch Technische Regel für Biologische Arbeitsstoffe - TRBA 466 "Einstufung von Prokaryonten (Bacteria und Archaea) in Risikogruppen" www.baua.de/trba
Borrelien kommen weltweit in Zecken vor. Die Zecken halten sich in der Niedrigvegetation bis zu 1,5 m Höhe auf. In Deutschland besteht überall eine Infektionsgefährdung.
Da die Durchseuchung der Zeckenpopulation sehr unterschiedlich ist, kann man von bestimmten Endemiegebieten sprechen. So sind in Endemiegebieten 10 % - 20 % der Zecken mit Borrelien infiziert. Jährlich treten 30.000 bis 60.000 Neuerkrankungen auf. Das Naturreservoir des Erregers sind wildlebende Nager, Igel, Reh, Rotwild, Vögel. Der Erreger wird durch den Stich bzw. Saugakt der infizierten Zecken übertragen.
Eine Übertragung durch Mutterkuchen ist auch möglich. Eine Ansteckung von Mensch zu Mensch ist nicht möglich.
Die Inkubationszeit beträgt im ersten Stadium zwischen drei Tagen und fünf Wochen, bis zum Stadium 2 und 3 mehrere Monate bis Jahre.
50 % der Infektionen verlaufen völlig symptomlos. Die Borreliose kann in drei Stadien ablaufen, wobei die verschiedenen Krankheitsstadien ineinander übergehen, sich überlappen oder ganz fehlen können.
Im ersten Stadium (meist in den Sommermonaten) entsteht an der Stelle des Zeckenstiches eine Rötung, die sich ringförmig vergrößert und in der Mitte abblasst, unter Umständen begleitet von grippe- oder meningitisartigen Krankheitserscheinungen. Einige Wochen bis Monate nach Beginn der Erkrankung können Hirnhaut-, Hirn- und Nervenentzündungen auftreten. Im dritten Stadium treten verschiedene Gelenkentzündungen, Herzmuskelentzündungen, Hautveränderungen und Erkrankungen des zentralen Nervensystems auf.
Eine Erregerübertragung auf den Fetus ist möglich. Die Wahrscheinlichkeit einer Infektion ist zu Beginn der Schwangerschaft höher als im weiteren Verlauf.
Etwa bei 30 % der infizierten werdenden Mütter kann es zu Schädigungen in der Schwangerschaft kommen.
Die Diagnose erfolgt durch Einholung der Krankengeschichte in Verbindung mit dem Erregernachweis bzw. Nachweis spezifischer Antikörper. Mehrmalige Infektionen sind möglich.

Nach Verordnung zur arbeitsmedizinischen Vorsorge - ArbMedVV hat der Arbeitgeber für Wald- und Forstarbeiterinnen mit Tätigkeiten in niedriger Vegetation arbeitsmedizinische Vorsorgeuntersuchungen zu veranlassen.
Bisswunden müssen sorgfältig desinfiziert werden.
Zecken können ins Labor eingesandt werden und dort auf Antigen untersucht werden. Bei positivem Befund ist eine prophylaktische Antibiotikatherapie abzuwägen.
Auf die Informationen unter www.rki.de/DE/Content/InfAZ/B/Borreliose/Borreliose.html weisen wir hin.

Konsequenzen für den Mutterschutz:
Mögliche Gefährdungen und nötige Maßnahmen muss ein Arbeitgeber generell mittels einer Gefährdungsbeurteilung bewerten und Maßnahmen festlegen (siehe auch www.arbeitsschutz.nrw.de/Themenfelder/mutterschutz/gefaehrdungsbeurteilung/index.php ). Die Freistellung von der Arbeit wegen eines Beschäftigungsverbotes (unter Fortzahlung des Entgeltes gemäß § 11 MuSchG) ist dabei wie Eingangs bereits erwähnt, nachrangig anderer Maßnahmen zu treffen.

Hinweise bezüglich nötiger Maßnahmen bei einer möglichen Borreliosegefährdung werden in dem von der Arbeitsschutzverwaltung NRW veröffentlichten Merkblatt "Mutterschutz in Gärtnereien" www.arbeitsschutz.nrw.de/Themenfelder/mutterschutz/praxishilfen/index.php gegeben. Die in dem Merkblatt gegebenen Informationen können sinngemäß auf die von Ihnen beschriebene Tätigkeit übertragen werden. 
In dem Merkblatt wird ausgeführt, dass bei häufigem Aufenthalt im Freien  je nach Witterungsverlauf in der Zeit von März bis Oktober, insbesondere aber im Frühling und Frühsommer, eine erhöhte Gefährdung durch Zeckenstiche besteht.
Mit einer etwas geringeren Gefährdung ist im Herbst zu rechnen. 
Grundsätzlich können Borreliosen überall in Deutschland, also auch in anderen Bundeländern auftreten, wo Zecken vorhanden sind. Dort wo Zecken auftreten, besteht also die Gefahr, sich durch Zeckenstiche mit Borrelien zu infizieren.

Ein Impfschutz ist nicht möglich. Zeckenstiche können durch Tragen von geeigneter Kleidung und Einreiben mit Insektenabwehrmitteln vermieden werden. Nach dem Aufenthalt im Freien sollte man den Körper nach Zecken absuchen. 
Tätigkeiten in Zeckenbiotopen mit Niedrigvegetation (z. B. Büsche, Farne, hoch gewachsenes Gras etc.) sollten vermieden werden.

Bei der Gefährdungsbeurteilung und beim Festlegen nötiger Maßnahmen soll sich der Arbeitgeber vom Betriebsarzt und der Fachkraft für Arbeitssicherheit beraten und unterstützen lassen.