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Was ist bei dauerhaften Arbeiten bei relativer Luftfeuchte <20% zu beachten?

KomNet Dialog 13023

Stand: 14.02.2011

Kategorie: Gestaltung von Arbeitsplätzen > Raumklima, Lüftung > Klimatische Anforderungen

Dialog
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Frage:

Bei der Herstellung von wasserlöslichen Brausetabletten darf die Restfeuchte der umgebenden Raumluft 20% (rel) nicht überschreiten, um eine unkontrollierte Reaktion des Brausesatzes zu unterdrücken. Dazu wurde bei in einem Pharmabetrieb im Technikumsbereich ein Arbeitsbereich abgetrennt und als "Tablettierraum mit konditionierter Luft" ausgestattet. Die Restfeuchte in diesem Raum beträgt immer <20%. Die zu verrichtenden Arbeiten (Tablettierung, Verpackung, IPC-Kontrollen) können mehrere Stunden ohne Unterbrechung andauern. Nun kam aus diesem Bereich die Frage, ob das dauerhafte Arbeiten bei so geringer Luftfeuchte: - Auswirkungen auf den menschlichen Körper mit sich bringen kann - einer Zeitbegrenzung unterliegt - bestimmte Maßnahmen für den Mitarbeiter erforderlich sind - bestimmte zusätzliche arbeitsmedizinische Untersuchungen anzuraten sind Können Sie mir/uns da weiterhelfen !?

Antwort:

Der Beantwortung der gestellten Fragen wird ein Exkurs über das Klima an Arbeitsstätten allgemein und des Themas "Trockene Luft in Büroräumen" vorangestellt.

Die aktuelle Arbeitsstättenverordnung von 2004 für Arbeits- und andere Räume fordert eine "gesundheitlich zuträgliche Raumtemperatur". Im Anhang heißt es hierzu in Abschnitt 3.5:
"3.5 Raumtemperatur
(1) In Arbeits-, Pausen-, Bereitschafts-, Sanitär-, Kantinen- und Erste-Hilfe-Räumen, in denen aus betriebstechnischer Sicht keine spezifischen Anforderungen an die Raumtemperatur gestellt werden, muss während der Arbeitszeit unter Berücksichtigung der Arbeitsverfahren, der körperlichen Beanspruchung der Beschäftigten und des spezifischen Nutzungszwecks des Raumes eine gesundheitlich zuträgliche Raumtemperatur bestehen."

Aussagen zur Luftfeuchte werden nicht getroffen. Die Arbeitsstättenregel ASR A3.5 "Raumtemperaturen" vom Juni 2010 (www.baua.de/ASR/) konkretisiert die Forderungen der Arbeitsstättenverordnung und gibt auch Hinweise zur Luftfeuchte, betrachtet diese jedoch unter dem Blickwinkel hoher Luftfeuchten und der damit verbundenen höheren Beanspruchungsreaktion insbesondere bei erhöhter Arbeitsschwere.

Die Frage der Auswirkungen und möglicher Maßnahmen bei geringeren Luftfeuchten wird aufgrund der Breitenwirksamkeit häufig im Zusammenhang mit dem Aufenthalt von Personen in beheizten Innenräumen (z.B. Büros) in den Wintermonaten diskutiert. Gerade bei Hochdruckwetterlagen und geringen Außentemperaturen kann die relative Luftfeuchte unter einen Wert von 30% sinken.

Die Thematik wird in diesem Zusammenhang eher kontrovers diskutiert. Während die INQA-Broschüre ratgeberbuero Nr 01 "Zu trockene Luft im Büro!" (-> http://www.deutsches-netzwerk-buero.de/dnb_neu/downloads/ratgeberbuero-raumluft.pdf ) mögliche Risiken hervorheben (Einschränkung der Selbstreinigungskräfte der Schleimhäute, Blockade der Flimmerhächen und hiermit verbunden Schwächung der Immunabwehr, höheres Risiko der Ansteckung mit dem Influenza-A-Virus, höheres Risiko von Stimmstörung u.a.) und die Direktraum-Luftbefeuchtung als eine geeignete Alternative zur indirekten Befeuchtung in raumlufttechnischen Anlagen zur Sicherung einer empfohlenen relativen Luftfeuchte zwischen 40% und 60% empfehlen, sind z.B. die Aussagen der BGI 7004 "Klima im Büro - Antworten auf die häufigsten Fragen" von 2007 (-> http://publikationen.dguv.de) "verhaltener", hier heißt es:

"Die Luftfeuchte in Büroräumen sollte im Bereich zwischen 30% und 70% liegen, im Winter nicht über 50%. Sinkt die Luftfeuchte unter 30%, empfinden dies die Mitarbeiter nicht unmittelbar als unangenehm. Jedoch können gesundheitliche Beeinträchtigungen, z.B. trockener Mund oder trockene Nase, Augenreizungen, auftreten."
und weiter
"Der Einsatz mobiler Luftfeuchter im Büro kann eingeschränkt empfohlen werden, da sie aufwändig zu reinigen und zu warten sind. Für manche Tätigkeiten, z.B. bei denen viel gesprochen werden muss, wie in Call Centern, kann es sinnvoll sein, eine Luftfeuchte von mindestens 30% bis 40% auch im Winter nicht zu unterschreiten."

Damit wird zwischen Positiv-Effekten (höhere Luftfeuchte) und Negativ-Effekten (Keimbildung, Reinigung, Wartung) abgewogen, wobei zumindest für Tätigkeiten ohne hohen Sprachanteil die Negativ-Effekte als höher eingeschätzt werden.

Dass die Thematik sich nach wie vor in der Diskussion befindet, zeigt auch eine unlängst veröffentlichte Ausschreibung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) zum Thema: "Möglichkeiten und Chancen einer AmI-basierten Regelung raumlufttechnischer Anlagen und beispielhafte Anwendung auf das Phänomen 'Trockene Luft'", innerhalb der ein Untersuchungskonzept zur Klärung im Zusammenhang mit trockener Luft entwickelt werden soll.

Aus dem Gesagten kann hinsichtlich Ihrer Fragen abgeleitet werden:
Trockene Luft - im vorliegenden Fall produktionstechnisch bedingt - kann Auswirkungen auf den menschlichen Körper mit sich bringen, diese sind aus den obigen Ausführungen ersichtlich.
Aussagen zu Zeitbegrenzungen sind nicht bekannt.
Mundschutz (der ggfs. aus anderen Gründen ohnehin getragen wird) hat insofern einen positiven Effekt, als dass die Schleimhäute des Mund-Rachenraumes aufgrund des sich ausbildenden Mikroklimas weniger austrocknen. Ausreichende Flüssigkeitszufuhr wird empfohlen. Cremes können dazu beitragen, die Hautfeuchte an unbekleideten Körperpartien stabiler zu halten.
Was zusätzliche arbeitsmedizinische Untersuchungen angeht, so empfehlen wir eine Kontaktaufnahme mit Betriebsärzten, die z.B. den Salzbergbau betreuen. Hier dürften Langzeiterfahrungen mit geringen Luftfeuchten vorliegen, wobei nur solche Punkte zu betrachten wären, die eine vergleichsweise gemäßigte Temperatur aufweisen.